Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Die Überwindung des Barock in der deutschen Lyrik

Von

Erich Trunz

(Schluß)

Am Ende des Barockjahrhunderts verschiebt sich nun das zweiteilige
Naturgedicht in seinem Aufbau: Die Naturdarstellung wird breiter, die
emblematische Ausdeutung wird kürzer. Zugleich wird aus der allge-
meinen Naturschilderung ein liebevoll ausgemaltes, mit vielen Einzel-
zügen ausgestattetes Bild, das immer mehr besondere, beobachtete Züge
annimmt. Barthold Hinrich Brockes, dessen Gedichte 1721 unter dem
Namen „Irdisches Vergnügen in Gott" zu erscheinen beginnen, schildert
die Natur bereits als etwas Beobachtetes und Erlebtes in kräftig gegen-
ständlicher Art.

Kirsch-Blühte bey der Nacht.

Ich sähe mit betrachtendem Gemüte

Jüngst einen Kirsch-Baum, welcher blüh'te,

In küler Nacht beym Monden-Schein;

Ich glaubt', es könne nichts von gröss'rer Weisse seyn.

Es schien, ob war' ein Schnee gefallen.

Ein jeder, auch der klein'ste, Ast

Trug gleichsam eine rechte Last

Von zierlich-weissen runden Ballen.

Es ist kein Schwan so weiß, da nemlich jedes Blat,

Indem daselbst des Mondes sanftes Licht

Selbst durch die zarten Blätter bricht,

So gar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.

Unmöglich, dacht' ich, kann auf Erden

Was weissers ausgefunden werden.

Indem ich nun bald hin bald her

Im Schatten dieses Baumes gehe:

Sah' ich von ungefehr

Durch alle Bluhmen in die Höhe

Und ward noch einen weissem Schein,

Der tausend mal so weiß, der tausend mal so klar,

Fast halb darob erstaunt, gewahr.
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