Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Besprechungen

Kurt Breysig: Die Geschichte der Menschheit. Bd. II: Völker

ewiger Urzeit. W. de Qruyter & Co. Berlin 1939.
Ernst Hering: Das Werden als Geschichte. Kurt Breysig in

seinemWerk. W.de Gruyter & Co. Berlin 1939.

Mit Kurt Breysig, der vor nicht langer Zeit gestorben ist, ist nicht nur ein
Geschichts- und Gesellschaftsforscher von hohem Rang dahingegangen, sondern
auch ein feiner Ästhetiker. Schon äußerlich hatte er mindestens ebensoviel vom
Künstler wie vom Gelehrten. Vor allem für Schöpfungen der bildenden Kunst besaß
er ein erstaunlich sicheres Auge und aufgeschlossenen Sinn, obwohl in der Gesamt-
heit seines Schaffens das Ästhetische nur ein Randgebiet war. Von den engeren Fach-
genossen freilich ist sein Werk wenig beachtet worden, und er selbst hat sich stets
im Gegensatz zu den reinen „Zünftlern" gefühlt. Sehr leicht gemacht hat er dem
Publikum gewiß den Zugang zu seinem Werk nicht; schon der gewaltige Umfang
seiner meisten Bücher wirkt etwas abschreckend, und nur wenige dieser Bücher
haben es zu einer Neuauflage gebracht. Auch im einzelnen neigt sein Stil zuweilen
zu einer gewissen Breite, die das Neue und Bedeutsame seiner Gedanken oft mehr
verhüllt als hervortreten läßt. So konnte es kommen, daß seine größte Schau, die
Einsicht in den „Stufenbau der Weltgeschichte" erst in der vereinfachten und ver-
gröberten, aber schriftstellerisch wuchtiger und sensationeller vorgetragenen Form,
die ihr Spengler gegeben hat, ins allgemeine Bewußtsein eindringen konnte. Die
Beziehungen zwischen Breysigs eine Reihe von Jahren vor dem „Untergang des
Abendlandes" erschienenen Buch vom „Stufenbau der Weltgeschichte" zu Spengler
sind noch nicht geklärt. Spengler selbst erwähnt Breysig nicht, und doch wäre es
sonderbar, wenn der Vielbelesene nicht mindestens aus zweiter Hand gewußt haben
sollte, daß vor ihm Breysig bereits festgestellt hatte, daß „die Antike" nicht eine
Einheit ist, sondern daß Hellas wie Rom i h r Altertum, i h r Mittelalter und ihre
Neuzeit hatten. Aber während Spengler sein Interesse einseitig auf die Hoch-
kulturen konzentriert, die er wie Baumstämme isoliert aufwachsen läßt, sieht Brey-
sig auch alle jene niederen Gewächse der Kultur, die nicht über den Stand der
Urzeit oder des Altertums oder des Mittelalters hinausgekommen sind. Sein Bild
der Menschheitsgeschichte ist darum reicher und vollständiger als das Spenglers.
Aber die Lehre vom Stufenbau ist nur einer der neuen Aspekte, die Breysig an das
Weltgeschehen herangetragen hat. In seiner „Geschichte der Seele" gibt er eine
Geschichtspsychologie, die die verschiedenen Zeitalter danach unterscheidet, welche
seelischen Kräfte darin in erster Linie bestimmend gewesen sind. Und in anderen
Werken greift er sogar hinaus über die Menschheitsgeschichte, indem er das Natur-
geschehen mit dem Geistesgeschehen zusammenschaut. Es ist hier nicht die Stelle,
ausführlich das ganze Werk Breysigs zu würdigen, es sei nur darauf hingewiesen,
daß er in vielen Werken auch bedeutsame Gedanken zur Kunst und Ästhetik bietet,
aufgeschlossen nicht bloß für die Kunst der Vergangenheit, sondern auch für die
der Gegenwart, aus der ihm George und F. Marc besonders nahestanden.
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