Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Über den Sinn der Musik

Von

Paul Bruchhagen

Musik ist die Kunst des Klingens.

Was bedeutet hier „Klingen"? Was ist damit gemeint? Zunächst
immer füllehafte Musik und nicht weniger.

Klingen kann man ein Urphänomen nennen. Es ist ein akustisches
Phänomen. Bedingt wird es durch Zeit und Raum.

Als akustisches Phänomen bedarf es der Zeit, denn Klingen schallt,
d. h. es breitet sich aus. Es dauert, hat eine zeitliche Erstreckung. Dies
macht nicht das Wesentlichste am Klingen aus. Klingen wird erlebt, also
auch seine zeitliche Erstreckung. Erlebte Dauer kann nicht gemessen
werden. Sie fließt nicht. Füllehaftes Klingen „läuft" nicht „ab". Es „legt
sich dar".

Was das Verhältnis des füllehaften Klingens zum Raum indirekt an-
betrifft, so ist schon die Tatsache der Füllehaftigkeit ausreichend, um zu
erhärten, daß das Klingen leer sein kann. Jede Musik bietet zwischen
großer Fülle und klingender Leere alle Grade der Erfülltheit dar. Es gibt
die Möglichkeit zur Fülle wie die zur Leere.

Die Leere sehen wir als eine substantielle Beschaffenheit des Klingens
an. Wir bezeichnen sie besser noch als eine „Offenheit". Offen heißt hier
nicht: vom Erlebenden aus schließbar oder interpretierbar. Das Klingen
ist an und für sich offen. Die Offenheit ist die Potenz, das Vermögen des
Klingens. Nennen wir es das Vermögen zur Fülle, Offenheit für eine
Fülle.

In dargebotener Musik erleben wir füllehaftes Klingen, Klingen,
dessen Vermögen zur Fülle in Anspruch genommen wird. Es ist mit
Fülle beladen, getränkt.

Klingen ist im Raum und bewegt sich in Lagen, sie dauert in Lagen,
in Tonhöhen. Diese Lage wird mit dem Klingen erlebt und ist unmeßbar.

Klingen als Material der Musik ist geistfähig in dem Sinne, daß es das
Vermögen zur Fülle besitzt.
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