Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Untersuchung über das Filmerleben

(Zweiter Teil)
Von

Wolfgang Wilhelm

3. Die Wirkungen auf den Zuschauer

Es ist sicherlich eine schon im Ansatz verfehlte Auffassung, wenn
E. Altenloh in der Frühzeit des Films meinte: „Der dritte Teil der
Lebenskraft wird verschwendet, durch die Verwandlung des Lebens in
Spiel über das Leben hinwegzuhelfen1)." Nach dieser Ansicht wäre der
Film nichts anderes als ein Lebensersatz, eine „Phantasiemaschine", die
unentwegt das verödete Gemüt des Menschen mit Bildern speist.

Das Verhältnis des Zuschauers zum Geschehen auf der Filmleinwand
hat sich mit der künstlerischen Entwicklung des Tonfilms erheblich ge-
wandelt. Viele Menschen, zumal die in den Großstädten lebenden, gehen
heute ins Filmtheater, um einen seelischen Auftrieb zu erhalten.

1. Ablenkung vom eigenen Ich
„Auftrieb" kann einmal durch die starke, sich auf den Zuschauer über-
tragende Motorik des Bildwechsels erreicht werden. Harms schreibt,
der Filmbesucher sei gewissermaßen ein Resonanzboden, der den filmi-
schen Rhythmus aufnehme und je nachdem in Heiterkeit oder Begeisterung
versetzt werde2). Funk weist darauf hin, daß sich der Jugendliche,
unterstützt vom Bewegungscharakter des Films, in den verschiedenen
Lebensformen der Handlungsträger auslebt; er erlebt sich dabei in man-
nigfachen Masken, ehe er sich für eine endgültige eigene Lebensform
entscheidet3). Somit erfüllen Handlung und Mensch im Film die auf das
Leben vorbereitende Aufgabe des Spieles4); sie bilden eine Fortsetzung

J) E. Altenloh, Zur Soziologie des Kinos, 1914.

2) R. Harms, Philosophie des Films, 1926, S. 37/38.

3) A. Funk, Film und Jugend, 1934, S. 68, 73.

4) Vgl. K. Q r o o s, Die Spiele der Menschen, und E. Spranger, Psychologie
des Jugendalters.
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