Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Besprechungen

Handzeichnungen von Goethe. 24 farbige Tafeln mit einem Geleitwort
von Hans Wahl. Im Insel-Verlag zu Leipzig, 1940. Insel-Bücherei Nr. 555.

Vor einigen Jahren brachte der Insel-Verlag „Dreißig Handzeichnungen Goe-
thes" in einer „Facsimile-Ausgabe in farbigem Lichtdruck": die Wiedergabe ist
so vollkommen, daß es nicht möglich ist, Original und Nachbildung, wenn man sie
vergleichsweise nebeneinander hält, zu unterscheiden. Die Auflage beträgt nur
300 numerierte Exemplare und kann auch wegen des hohen Preises (in Leinen-
mappe RM 225,—) nicht in weitere Kreise dringen. Viel Verbreitung hat das
„Reise-, Zerstreuungs- und Trostbüchlein" gefunden, 36 Zeichnungen Goethes, von
Hans Wahl aus dem gleichnamigen Bändchen ausgewählt, das vor einer Reihe von
Jahren unvermutet wieder ans Licht getreten ist. Es stammt aus dem Winter 1806/07,
war für die Prinzessin Caroline, eine Tochter Karl Augusts, bestimmt und zeigt,
wie der Dichter in politisch erregten Monaten sich ins Reich der Phantasie
begibt, in „Wald und Höhle" bei den heimlichen Geistern der Natur Trost sucht,
das Urgestein befragt, im Geiste auf das „Hochgebirge" wandert, „der E'nsam-
keiten tiefste unter seinem Fuß", oder südliche Landschaften vor seinen Blick
zaubert — nicht um den vaterländischen Geschehnissen zu entfliehen, vielmehr um
mit frischem Mut und neuer Entschlossenheit zu den Pflichten des Tages zurück-
zukehren. Die Bilder, bedeutsam auch für die Erkenntnis der Persönlichkeit Goethes,
umfassen nur eine kurze Spanne. Die (gleichfalls trefflich wiedergegebenen) Hand-
zeichnungen in der Insel-Bücherei aber führen von den Anfängen des Weimarer
Aufenthaltes bis in das Alter des Dichters. Überraschend sind vor allem die Bilder
aus den zehn Jahren vor der italienischen Reise. Ein „beschränkt Eckgen" umfaßt
Goethe liebevoll auf diesen, eigens für Charlotte von Stein bestimmten Blättern,
ohne zu ahnen, daß er hier das Landschaftsempfinden und die Formensprache einer
späteren Zeit vorwegnahm. Im Süden erwachte die alte Leidenschaft aufs neue.
Tischbein brachte ihn „fast jede Stunde weiter; denn er sieht, was ich bin und was
mir abgeht". Unter Hackerts Leitung glaubte er schon sein Ziel erreichen zu können.
Da erklärte er zu Beginn 1788 plötzlich, er sei doch „eigentlich zur Dichtkunst
geboren": eine „weite Aussicht" trat an die Stelle des früheren „praktischen Be-
hagens, aber die liebevolle Fähigkeit ging verloren". Trotzdem wurde er auch in
späteren Jahren seine „Marterinstrumente, Pinsel und Bleistift" nicht mehr los,
zuweilen klagte er über den Widerspruch zwischen Wollen und Vollbringen. Was
einst ernsthaftes Bemühen war, wurde jetzt zeitweise Spiel, bis ihn im Jahre 1810
wieder ein „wunderliches Verlangen überfiel", das was in ihm „lebte von Zeich-
nungsfähigkeit der Landschaft, noch einmal zu versuchen". Unter den hier vereinten
Blättern finden sich auch Portraits. Erstaunlich das Corona Schröters, bei äußerster
Beschränkung der Darstellungsmittel ungemein lebendig sprechend. Das Ungestüm

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