Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Besprechungen

Perpeet, Willi: Kierkegaard und die Frage nach einer Ästhe-
tik der Gegenwart. Philosophie und Geisteswissenschaften, herausg. von
Erich Rothacker. Buchreihe, 8. Band. Halle 1940.

Welcher Fachgelehrte dürfte sich rühmen, alle Werke „über" Hegel gelesen zu
haben, die anläßlich des letzten Hegel-Jubiläums erschienen sind? Wer hat auch
nur alle die zum Teil recht umfangreichen Schriften studiert, die zu dem Problem
Kierkegaard vor einer Reihe von Jahren in schneller Folge einander drängten? Wir
überlassen die Antwort auf diese Frage dem Leser, den sie angeht, und sind nicht
gesonnen, sie auch noch auf die Dissertationen „über" einzelne Philosophen aus-
zudehnen, die lange Zeit hindurch mit Eifer und Bedacht danach strebten, mehr oder
minder systematisch geordnet noch einmal zu sagen, was der jeweils zum Thema
gemachte Philosoph, oft in einem langen Gelehrtenleben, als Frucht seines Denkens
der Mit- und Nachwelt übergeben hatte (in erster Linie wohl, damit es gelesen, zu-
weilen wohl auch, damit darüber geschrieben würde).

Ein wenig anders ist es mit den Büchern „über" geworden. Indessen dürfte der
Grund wohl weniger in der Tatsache zu suchen sein, daß diese Art von „philosophi-
schen" Fähigkeitsbeweisen aus der Mode gekommen ist, als weil das philosophische
Schrifttum überhaupt zumindest an Umfang stark zurückgegangen ist. Daß diese
Art des Denkens aus zweiter Hand, typisches Erbe aus der Zeit, in der die Geschichts-
schreibung der Philosophie selbst als philosophische Leistung galt, nicht nur ein
bibliothekarisches, sondern auch ein sachliches Problem ist, vermag erst ganz zu
empfinden, wer sich aus irgend einem Grunde einmal die Mühe gemacht hat — es
ist wirklich eine! — zu allen als wesentlich geltenden Philosophen die „sekundäre"
Literatur zusammenzusuchen. Er wird mit besonders besorgtem Ernst fragen: was
bedeutet ein neues Buch „über" einen Philosophen? Fördert es die Erkenntnis (oder
nur den Autor)? Ja, läßt es auch nur seinen Gegenstand, der vielleicht zuvor schwer
zu verstehen war, deutlicher zu uns sprechen?

Schwer verständlich zu sein, nicht nur in der Ausdrucksweise, sondern auch im
Standpunkt, ist die erste Vorbedingung, die die Mit- und vor allem Nachwelt einem
Werk gegenüber veranlassen kann, sich, besonders auch schreibender Weise, mit einem
Philosophen zu beschäftigen. Die Philosophie ist die letzte, rationalste Form, in der
sich die magische Formel in der modernen Welt noch darbietet, und das seltsam Absei-
tige vermag, wenn es nur schwierig genug ausgedrückt ist, ergriffenes Schauern im
Gefühl des Numinosen zu erregen, sei es nun, daß echter Schwabentrotz der Welt-
geschichte gegen all ihre lebhaftesten und entschiedensten Bemühungen beweisen will,
sie sei „vernünftig" (weil sie sich offenkundig im Einklang befinde mit dem System
des philosophischen Professors), sei es, daß nordisch-protestantische Unfähigkeit zur
Hingabe an die Fülle des Lebens das Nichts-sein-wollen zum Prinzip des Daseins,
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