Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Untersuchung über das Filmerleben

(Erster Teil)
Von

Wolf gang Wilhelm

Vorbemerkung

Die Motive, aus denen heraus der heutige Mensch ins Kino geht, sind
oft komplexer Art, und die psychischen Zustände während des Film-
ablaufs zu verstehen und zu deuten, verlangt nicht selten ein hohes Maß
an psychologischer Einfühlung. Unsere Untersuchung, die sich zum Teil
auf die Befragung einzelner Zuschauer stützt, hofft zu zeigen, daß es ein
Erleben des Films gibt, dessen Tönungen von Mensch zu Mensch ab-
gestuft sind.

Dabei stellte es sich heraus, daß wir die Übereinstimmungen und
Unterschiede unserer Aussagen auf einen dominierenden Wesenszug des
Filmerlebens beziehen konnten, nämlich die Wirkung des Films auf das
menschliche Gesamtbefinden. Gewöhnlich wird der Zuschauer während
des Filmablaufs eines gesteigerten Erlebens inne, das sich nach der Vor-
stellung oft zu einem tragenden Gefühl seelischen Auftriebs verdichtet.

1. Die positive Grundhaltung im Zuschauer:

Hingabe

Erfährt der Erlebende einen seelischen Auftrieb durch ein von außen
auf ihn Einwirkendes, so ist er dem Auftriebbewirkenden gegenüber völ-
lig aufgeschlossen; das Gefühl der Freude wird ihm von einem Geschehen
oder einer Situation vermittelt. Wenn wir diese Feststellung auf den
Filmbeschauer übertragen, wird unmittelbar deutlich, daß er eine gelöste,
aufnahmebereite Haltung während der Filmvorstellung einnimmt, um durch
die Kraft des Bildstreifens in seelische Hochgestimmtheit versetzt zu werden.

Die Überfülle neuer Eindrücke, die ihn von der Leinwand herab über-
fällt, zwingt ihn indessen nicht selten in einen Zustand des E r 1 e i d e n s
hinein. Zwar zur Selbstbehauptung entschlossen, muß er gleichwohl
dulden, daß ein vielfältiges, vieldeutiges Geschehen die Fähigkeit seiner
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