Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Hölderlin im Spiegel deutscher Dichtung

Von
Helmut Wocke

Hölderlins Schaffen verschließt sich begrifflicher Deutung und einer
Auslegung durch das bloße Mittel des Verstandes. Seine Verse gestalten
in „heiliger Nüchternheit" das Ur-Erlebnis, bannen das vor, das jenseits
der Vernunft Ruhende und Waltende. In den Gedichten und Hymnen, die
(gebändigt durch die Sprache) noch die Schauer tiefster Ergriffenheit offen-
baren, erklingen religiöse Töne, so unbedingt, daß man bis auf Äschylos
zurückgehen muß, um ein Ähnliches erschüttert zu erfahren. Ur-Bildner
ist Hölderlin. Und der Schöpferische, der des Dichters Wesen gültig fest-
halten will, muß bis zu den ewigen Formen vordringen, bis zu dem letz-
ten, erahnten Geheimnis, dessen der Begnadete nur in der Schau inne
wird, bis zu jenem Ur-Wesen, das war, ehe es wurde. Hölderlin, ein
Gesegneter, ein Gezeichneter, wußte sich (im Sinne der Mystik) alles
„Kreatürlichen" zu entäußern, sich frei zu machen von der Welt ringsum.
In der Seele aber ist nach Meister Eckehart „ein Etwas, das selber weder
erkennt noch liebt, wie die Kräfte der Seele. Dieses Etwas hat kein Vorher
und kein Hernach und wartet keines hinzukommenden Dinges, denn es
vermag weder zu gewinnen noch zu verlieren. Darum ist es ihm auch
benommen, in sich selbst zu wirken; mehr: es ist dies selber das Selbst,
das sich selber genießt nach der Weise Gottes". Und weiterhin betont
Eckehart in derselben Rede „Von der wahren Armut" die Notwendigkeit,
„daß der Mensch Gottes und all seiner Werke so ledig stehe, daß Gott,
wenn er in der Seele wirken wollte, er selber die Stätte sein müßte, darin-
nen er wirken will. Und das tut er gerne. Denn fände Gott den Menschen
so arm, so erlangte der Mensch in dieser Armut das ewige Wesen, das
er gewesen ist und das er jetzt ist und das er in Ewigkeit leben soll"1).
Ein solcher Mensch ist der Dichter, den Hölderlin meint — ein solcher
Dichter ist Hölderlin selber.

i) Meister Eckehart, Vom Wunder der Seele. Hg. von Friedrich Alfred Schmid
Noerr (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7319), S. 37f.
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