Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Bemerkungen

Barocktheater und Barockkunst

Von

G. F. H a r 11 a u b

Daß eine Untersuchung- über die Wechselwirkungen zwischen bildender Kunst
und Bühnenbild, wie sie Hans Tintelnot in seinem Werk Barocktheater und barocke
Kunst (Verlag Gebr. Mann, Berlin 1930, 140 Seiten, 219 Abb. RM 48.— Lw.) vor-
nimmt, gerade in der Zeit des Barock ein besonders ergiebiges und reiches Stoff-
gebiet findet, legt auf der Hand: die Neigung, das Irreale sinnfällig im Bild
darzustellen, die Welt des Wunders sichtbar zu machen, die nach illusionistischen
Reizen und effektvoller Aufmachung verlangende Schaufreudigkeit des Barockmen-
schen scheinen dieser Epoche ganz allgemein einen „theatralischen" Zug zu geben.
Gleicht nicht das höfische Zeremoniell mit seinen Aufzügen und Festlichkeiten einer
Inszenierung von gewaltigem Ausmaß, bewegen sich nicht die Majestäten mit dem
gleichen Aufwand an Pathos wie die Akteure bei ihrem Bühnenauftritt? Wie viel
Kulisse, Draperie, Vorhang zeigt die bildende Kunst in den Fresken der Kirchen-
kuppeln, in den Gestalten ekstatischer Heiliger, an den Schaufassaden der Schloß-
bauten usw. Nichts wäre jedoch mißverständlicher, als jene theatralisch gesteigerte
Lebenshaltung aus dem Hang zu verweltlichender Oberflächlichkeit oder der Freude
an der holden Scheinwelt der Bühne herzuleiten. Mit welch feierlichem Ernst das
Theater in das barocke Weltgefüge eingebaut war, wie eifrig und direkt die Anteil-
nahme des Publikums an den Schaustellungen der Szene, beweisen am besten die
zahlreichen Aufführungen, in deren Rahmen der Hof und die Fürstlichkeiten selbst
agierend auf der Bühne erschienen, die Verkleidung der Allegorie zur großartigen
Selbstdarstellung und -bestätigung ausnutzend. Den Höhepunkt solcher Festlich-
keiten bildet das Wiener Roßballett, in dessen Verlauf die kaiserliche Majestät „sich
selbst agierend" in der Glorie der Reichskleinodien auf der Szene erscheint, die in
diesem Augenblick zur Weihestätte der Ehre des Hauses Habsburg erhöht wird.

Ebensowenig wie man die Freude an prunkvollen Schaustellungen nur der
Vergnügungssucht und sinnlichen Genußfähigkeit zuschreiben darf, kann auch das
innige Verhältnis des Theaters zur Kirche einfach als Profanierung des Heiligen
abgetan werden. Wenn Burnacini seine Szenenbilder von der Hofoper in die
Burgkapelle hinüberträgt, um dort die Oratorien der Karwoche mit allen ihm
zu Gebote stehenden technischen und künstlerischen Mitteln wirkungsvoll zu illu-
strieren, wenn Pozzo für das Jesuitentheater vor dem Hochaltar Scheinarchitek-
turen einer raffinierten Illusionistik errichtet und sich in naiver Selbstgefällig-
keit des geglückten Täuschungsmanövers rühmt, so legen sie in ihr Tun allen
religiösen Eifer ihrer ungebrochenen Gläubigkeit, alle Kraft der Imagination,
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