Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

Seite: 71
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III.
Der ästhetische Gegenstand.

Eine phänomenologische Studie.

Von
Waldemar Conrad.

In dem folgenden soll — wie schon der Titel andeutet — der
Versuch gemacht werden, die sogenannte »phänomenologische« Me-
thode auf die Ästhetik anzuwenden; zunächst ist daher die Eigenart
dieser Methode im Gegensatz zu den in der Ästhetik sonst üblichen
zu charakterisieren.

Um einen übersichtlichen und weiteren Kreisen verständlichen Text
zu schaffen, muß ich mich hierbei mit dem Hinweis auf das Aller-
wesentlichste begnügen, will aber für diejenigen, die speziell für die
Phänomenologie interessiert sind und an manchem etwas laxen Aus-
druck Anstoß nehmen könnten, in Anmerkungen näher erläuternde,
feiner durchführende und eventuell korrigierende Bemerkungen bei-
fügen.

1. Die Methode.

Der natürliche Ausgangspunkt für jede Wissenschaft ist der
Standpunkt des gewöhnlichen Lebens. — Wenn wir von diesem
Standpunkte aus, ganz unbefangen und naiv, an das Untersuchungs-
gebiet der Ästhetik herantreten, so finden wir als das Tatsachenmaterial
dreierlei vor: In erster Linie die Kunstwerke (»künstlich« hergestellte
Objekte, verfertigt zu dem Zwecke, anderen durch bloßes Anschauen
oder Anhören eine gewisse Art von Genuß zu verschaffen l); zweitens
das Verhalten der Menschen zu denselben (das Produzieren, Reprodu-
zieren, Genießen, Werten u. s. w.) und drittens ein analoges Verhalten
der Menschen der Natur oder auch anderen, zu praktischen Zwecken
»künstlich« hergestellten Objekten gegenüber.

Als Aufgabe der Ästhetik können wir es dann bezeichnen, dieses
Tatsachenmaterial wissenschaftlich zu verarbeiten; und damit wäre
eine vorläufige Abgrenzung des Gebietes der Ästhetik gegeben.

') Etwa so nämlich würde man dieselben im gewöhnlichen Leben definieren.
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