Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

Seite: 469
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XIII. ^^^^^

Der ästhetische Gegenstand.

Eine phänomenologische Studie.

(II. Wortkunst.) I___________

Von

^^^^^^^^^B Waldemar Conrad.

Nachdem wir in einem früheren Artikel1) gezeigt haben, wie die
eigenartige deskriptive Methode, die Husserl die »phänomenologische«
genannt und zuerst zur Grundlegung der Erkenntnistheorie ausge-
arbeitet hat, bei ihrer Anwendung auf die Ästhetik zur Abgrenzung
asthetischer Gegenstände führt, die von den Kunstwerken als Dingen
der Naturwelt wesentlich verschieden sind, und nachdem wir das Wesen
e'nes solchen ästhetischen Gegenstandes durch Analyse eines Beispiels
aus dem Gebiete der Musik näher kennen gelernt haben, ist es nun
die Aufgabe, entsprechende Analysen auf den anderen Kunstgebieten
durchzuführen. Dabei werden wir wiederum Detailausführungen, Ein-
bände und das ergänzende Beweismaterial, das nur für diejenigen von
Bedeutung ist, welche spezielles Interesse an der Phänomenologie haben,
sowie die Perspektive auf weitere, sich anschließende, hier nur berührte
robleme in Anmerkungen verweisen müssen.
Ebenso wie bei der Musik ist nun auch bei der Poesie als einer
rein zeitlichen Kunst der Gegensatz des ästhetischen Gegenstandes
gegenüber dem Naturobjekt und seine hervorragendere ästhetische Be-
deutung sofort in die Augen fallend und unzweifelhaft; daher wollen
wir jetzt diese Kunst zunächst zur Erörterung heranziehen, obwohl in
anderer Hinsicht (nämlich was die darstellende Funktion anbetrifft) die
kunstgewerbliche Raumkunst gewissermaßen eine einfachere, primitivere
Kunstform genannt werden muß und der Musik näher stände.

3. Der ästhetische Gegenstand der Poesie.

Es ist in der Tat klar, daß ebensowenig wie die Luftschwingungen

°der das Notenmanuskript in der Musik, so auch nicht die Lufterschüt-

erungen des gesprochenen Wortes oder die Tintenzüge des geschrie-

') Diese Zeitschr. III. Bd., 1. Heft, S. 71 f.

eitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. III.

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