Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 36.1911

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EPINETRON UND WEBSTUHL.

In seinem verdienstvollen Aufsatze 'Epinetron' (AM.
XXXV 1910, 323 ff.) hat St. A. Xanthudides den Versuch un-
ternommen, das Spinnen im Altertum durch die jetzt auf
Kreta übliche Arbeitsweise zu beleuchten. Es ist gewiss ein
richtiger Weg, den er eingeschlagen hat, und die dabei ge-
wonnene Erklärung des Epinetron scheint unanfechtbar zu
sein; auch wird dadurch, wie der Verfasser selbst hervorhebt,
der merkwürdige Name ovog, womit das Gerät bisweilen be-
zeichnet wurde, unmittelbar verständlich.
Die vorbereitende Behandlung der Wolle zum Spinnen,
wozu nach Xanthudides' Erklärung das Epinetron verwen-
det wurde, erforderte nicht notwendig ein besonderes Gerät
und wird auch jetzt noch gewöhnlich ohne ein solches aus-
geführt. Man versteht deshalb sehr wohl, dass das attische
Epinetron des VI-V. Jahrhunderts weder Vorläufer noch
Nachfolger gehabt hat. Die Verwendung dieses Gerätes war
eben eine Mode, zeitlich und örtlich eng begrenzt, die ein-
mal in Wegfall geraten keine Nachwirkung gehabt hat. Sie
blieb wesentlich auf Attika beschränkt und wurde ausserhalb
dieser Landschaft nur an einzelnen Stellen aufgenommen, wo
attische Gebräuche und attische Waren Eingang fanden. Auch
kannte man bis vor wenigen Jahren überhaupt nur in Athen
angefertigte Epinetra, die in der Art der späteren schwarz-
figurigen und der rotfigurigen Vasen decoriert waren.
Bei dieser Sachlage muss es von vornherein als eine
Unmöglichkeit bezeichnet werden, wenn Herr Xanthudides
ein neues, in seinem Aufsatze veröffentlichtes Epinetron in
die spätmykenische Periode datiert. Derartige Sprünge kom-
men in der menschlichen Kulturentwickelung nicht vor. Die
bekannt gemachte Abbildung gestattet aber vollkommen, den
Sachverhalt ins Reine zu bringen und so den begangenen
Fehler zu berichtigen.
ATHENISCHE MITTEILUNGEN XXXVI ) O
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