Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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kreisrunden Mittelmedaillons herum, was übrigens auch
auf einer bestimmten Klasse von persischen Teppichen des
j6. und noch mehr des \7. Jahrhunderts — den söge
nannten Polenteppichen — der Fall ist. Nicht minder sind
die ausgezackten Blatt und Blüthenmotive noch nicht außer
allein Zusammenhang mit der mauresken „Blatt"-Bildung.
lind doch wird man diese latenten Bezüge zur orientalischen
Kunst erst in zweiter Linie nach genauerer Betrachtung
wahrnehmen. Es sind leibhaftige pflanzenranken mit
fleischigen Stengeln, nicht die ornamentalen Rankenlinien
der persischen Teppiche, die uns da entgegentreten. Die
perspektivischen Voluten von Fig. \, zun: Theil mit an-
gesetztem Akanthusblatt, die akanthisirenden Blatt und Kelch
bildungen von Fig. 5, die mit sarazenischer Kunstweise
fast nichts mehr gemein zu haben scheinen, geben im Gesammt
effekt den Ausschlag. Die Bordüre von Fig. 3 zeigt eine
2lrt intermittirender Wellenranke, die aber nicht nach reci-
prokenr Schema, sondern als selbständiges Muster auf ein-
farbigem Grunde verläuft.

Bei Fig. 2 genügt schon der pinweis auf die ornamen
talen Delphinköpfe, in welche die Ranken des Znnenfeldes
auslausen, um jede sarazenische Reminiszenz, die in den
Blattbildungen gewiß noch vorhanden ist, in den Hinter-
grund zu rücken. Die in Doppelspiralen auslausenden ast
artigen Gebilde in der Bordüre von Fig. 2 kehren an
spanischen Aufnäharbeiten besonders häufig wieder; dieselben
aber als sicheres Kriterium gegenüber italienischen Arbeiten
zu gebrauchen, wird man doch kaum wagen dürfen. — Das
der Zeit nach späteste und von sarazenischer Kunstweise am

weitesten entfernte Beispiel ist die Decke Fig. st. pöchstens die
profilblätter, die sich an die starren Rosetten in den Bordüren
ansetzen, vermöchte man vielleicht als Epigonen der mauresken
Gabelranken anzusehen. Mit diesem Stücke haben wir das
Ende der Entwicklung erreicht. Die massenhaften italienischen
Stickmusterbücher aus den ersten Dezennien des f7. Iahr-

g) Bordüre.

Nach der Vera perfenione §es Giov. Dstans, Venezia ^567. (Vergl. 5. 72.)

Hunderts bringen kein einziges Beispiel mehr von reciproken
psianzenmustern. Das maureske Schema zählte dainals
schon zu den überwundenen Standpunkten, die mächtigere,
dem Bedeutungsvollen mehr Rechnung tragende abendländische
Kunstweise hatte überall gesiegt, und selbst schon in: fernen
Grient einzuwirken begonnen, — ein Prozeß, der heute mit
Riesenschritten seiner Vollendung entgegcngeht und die nahe
Aussicht aus den Pereinbruch eines neuen alexandrinischen
Zeitalters für die orientalische Kunst, unter wesentlich un
günstigeren Verhältnissen für diese letztere, eröffnet.

WlViMWaftlK

für den gewerblichen und kunstgewerblichen Beruf.

von vr. Karl Scharfer.

Nachdruck verboten.

cnn heutzutage des öfteren darauf hingewiesen wird, daß
für einen jeden erwachsenen deutschen Staatsbürger
es sich empfehle, mit den Grundzügen der gesetz-
lichen Bestimmungen seines Vaterlandes, sowie mit
den wesentlichsten, für das praktische Leben nützlichen Zweigen der
Volks wirthschaftslehre sich vertraut zu machen, so kann dem ohne
Zweifel die allgemeine Zustimmung nicht versagt werden. Es ist
heute für jeden, der mit dem wirthschaftlichen Leben in mehr oder
weniger unmittelbare Berührung tritt, unumgänglich nothwendig,
daß er die allgemeinen Grundzüge der gesetzlichen Bestimmungen
seines Vaterlandes nicht nur kennt, nein, mehr noch: er muß sie
auch bis zu gewissem Grade richtig zu beurtheilen und praktisch an-
znwenden wissen, Wenn inan nun aber glaubt, durch Schaffung guter,
volksthiimlich geschriebener übersichtlicher Bücher — sog. juristischer
und volkswirthschaftlichcr Katechismen — ließe sich dies annähernd
ermöglichen und davon abräth, den Schul- und Fortbildungsunterricht
nicht mit jenen Dingen zu beschweren, die als eine unnütze Erweiterung
des Lehrplanes voin Schüler nicht begriffen würden, jo möchten wir
daraus erwidern, daß jene Dinge alsdann ohne jeden Unterricht
noch viel weniger begriffen, geschweige denn richtig erkannt werden.
Am allerwenigsten aber scheint uns das bloße Lesen volksthümlich

! geschriebener Katechismen geeignet; denn, um in den Grundzllgen einer
Wissenschaft „vertraut" zu sein — und sei es auch nur bis zu
gewissem Ulaße — einer Wissenschaft, die, wie Gesetzesknndc und volks-
wirthschaftslehre, gerade die praktischen Seiten unserer Lebens-
verhältnisse in's Auge faßt, bedarf es nach allen Erfahrungen mehr
als des Lesens übersichtlicher katcchetischer Werke, volksthümlich ge-
schriebene Werke haben überhaupt erst dann einen bestimmten Nutzen,
wenn Derjenige, welcher sie liest, nicht mehr vollständig Neuling in
der Materie ist, welche sie behandeln; im anderen Falle haben sie für
ihn nicht nur sehr geringen Werth, sondern vermögen bisweilen dem
Unwissenden geradezu den Kopf zu verdrehen und mehr Schaden als
Nutzen zu stiften. Die meisten vielwissenden Nichtswisser von heute
stellt die moderne Schule der Autodidakten — deren es heute bereits
Legionen gibt, — Leute, die niemals einen bestimmten Fachunterricht
genossen, sondern ihr ganzes wissen ans Büchern und nicht zum
mindesten aus „populären Schriften" geschöpft haben. — So sehr wir
für die Allgemeinverbreitung jeden Wissens bis in die niedersten volks-
kreise sind, so halten wir doch den Weg, mittelst Büchern sich selbst
zu unterrichten, nicht für richtig gewählt. Nie und nimmer wird sich,
am allerwenigsten bei unseren exacten Wissenschaften, der fortbildende
Unterricht, dessen Uauptwerth in dem inündlichen Gedanken-
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