Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,1.1915

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Dte schörcheitliche Zrrkunft Constantinopels*

wie ich, arbeit- und genußreiche Wochen in Constantinopel zu«
ff ^gebracht hat, dem bleibt die Sehnsucht nach der herrlichen Stadt
^"^^irn Herzen fest und unverrückbar sitzen. Freilich, wer in Pera-
Galata in einem der internationalen Hotels sitzt, nach lauten Vergnügen
und nach Abenteuern ausschaut, wer den ganzen Angeschmack und die
rohe Aufdringlichkeit der dorthin verpflanzten europäischen Bauten für
Constantinopel nimmt und drüben in Stambul, in Skutari, oder in der
Amgegend die Stadt nur im Kreise einer lärmenden „Führung" kennen
gelernt hat, der weiß wenig davon, wo die Reize Constantinopels liegen.
Man muß kreuz und guer durch die stillen Straßen der türkischen Viertel
gewandert sein, man muß in den stillen Höfen der Moscheen und Medresse,
in dem eigenartigen Leben der Han, der ost so malerisch verfallenen
Handelsbauten sich verloren haben, man muß unter weithin schatten-
spendenden Platanen und vor den schlanken Zypressen gestanden haben,
um die stille Vornehmheit der SLadt zu verstehen, die vornehm ist troh
ihrer bescheidenen Holzhäuser, ihrer schlecht gepflasterten Straßen, ihrem
Zurückstehen in den Vorteilen der Zivilisation — aber in ihrem Reichtum an
eigenartiger Kultur, an innerer Geschlossenheit ihres gesamten Wesens.
And wenn man auf flinkem Boot im Goldenen tzorn dahinfährt, wenn
man von Eijub her oder von einer der tzöhen Constantinopel in seiner ge-
waltigen Größe, mit seinem Meer von tzäusern und Moscheen überblickt,
wenn man längs der durch Erdbeben zusammengerüttelten Mauern hin-
geht, diesem gewaltigsten Denkmal einer großen Geschichte, dann er-
schließt sich die Seele dem tzauch von Größe dieses Stückes Erde und der
weltgeschichtlichen Bedeutung, die nie vergehen kann: denn dort die Spihe,
auf der Top Kapu Serai, das alte Kaiserschloß, steht, ist das Südostende
von Europa, und von drüben schauen die Berge herüber, das Nordwest-
ende Asiens: tzier begegnen sich zwei Weltteile.

Die türkischen Kanonen verteidigen am tzellespont diese eigenartige
Welt. tzeute, mitten im Weltkampf, denken wir Deutsche voller Teil-
nahme an dieses Ringen und freuen uns, daß es auch deutschen Männern
möglich gemacht ist, sich für die Erhaltung der Eigenart dieses glücklichen
Stückes Erde einzusetzen.

Möge es auch vor inneren Schäden bewahrt bleiben, vor dem Ein-
dringen des Fremden, hier doppelt fremdartig Wirkenden! Langsam schrei-
tet auch dort die Beuerungssucht fort: die tzolzhäuser fallen leicht Brän-
den zum Opfer, die oft ganze SLadtviertel niederlegen. Dann zeigt sich
das Bestreben, europäischem Wesen Eingang zu schaffen, Straßen zu
bauen, die etwa denjenigen von Paris ähnlich sein sollen, Bauten nach
Plänen der an den Polytechniken des Westens gebildeten Architekten zu
errichten, alle jene Motive und Motivchen zusammenzutragen, die die

^ Der Verfasser dieses Aufsatzes, der gegenwärtige Nektor der Dechnischen
tzochschule in Dresden, Geheimrat Prof. Gurlitt, ist schon durch sein großes
Buch „Die Baukunst ConstanLinopels", das umfassendste Werk über türkische
Vaukunst, das es gibt, ganz besonders zum Mitreden in dieser Sache berufen.
Er hat aber auch noch durch andre Veröffentlichungen seine Leilnahme am
baukünstlerischen Leben des türkischen Reiches auf das sachverständigste bewiesen.

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