Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 25.1907

Page: 192
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fortgesetzt aufgehetzt wurde. Schon die einfache
Rücksicht darauf, daß das Münster in Ulm —
man mag sagen, was man will — bis zum
Tnrmausbau eine katholische Schöpfung ist,
daß es von Katholiken erdacht, ersonnen und
aufgebaut wurde, hätte den Verfasser von diesem
die Katholiken verletzenden Ausfall abhalten sollen.
Mit Grund und Fug hat mau die Bilderstürmerei
in Ulm dem protestantischen Regiment, welches
sich die Bewegung über den Kopf wachsen, dann
das Unheil zum mindeslen geschehen ließ und
nicht zu verhindern wußte, und der Reformation,
d. i, den damaligen Stimmsührern (schweizerischer
Richtung) derselben zugeschrieben.

kleinere Mitteilungen.

Lck. Eine mysteriöse Geschichte von
einer „falschen Johanna" am Rhein und
einem w ü r tt e m b er g i s ch en Grafen.

Der bekannte Dominikaner Johs> Nider aus
Jsuy i. A. (13??—1438) erzählt in seinem merk-
würdigen Buche »?ormicarius« (Ausgabe von
Prof. Herm. von der Hardt, Helmstädt bei Paul
Zeising, 1692, S. 598—609, I^id. V, cap. 8)
auf Grund von Mitteilungen eines Zeitgenossen,
eines gewissen Heiur. N(B?)altiseren, »sacrae
tdeolo^iae I'rolessor insi^nis coloniae, in-
cpnsitor tlreoreticae pravitatis« folgende um
jene Zeit spielende mysteriöse Geschichte von
einer „falschen Johauua", welche um jene
Zeit ihr Unwesen am Rheine trieb und deren aben-
teuerlichem Verhältnisse zu einem sie beschützenden
w ü r t t e m b e rg i s ch e n Grafen: . . . . »Hic (sc.
Raltiseren) cum anno proxime praeterito
in^uisitionis otNcio in civitate Loloniensi
insisteret, ut midi ipse retulit, percepit, circa
(^oloniam c^uandam virAinem esse, c^uae in
dakitu virili omni tempore incecleret, anna
lerret, et vestimenta dissoluta, velut unns
ex nobilinm stipencliarüs, clioreas cnm viris
dnceret, et potidns ac epulis, aäeo insis-
terat, ut metas Leminei sexus, c^nem non
ne^akat, omnino excedere videretnr: I^t
<zuia eodem tempore (sicut den doclie) se-
clem 'I'revirensis Llcclesiae clno, pro eaclem
contenclentes, Araviter molestadant, Aioria»
katur, se nnam partem posse et velle in
tdronnm eveders: Licnt vir^o ^sodanna
(cie cjna statim clicetur) I^e^i Larolo ?ran-
corum panlo antea praestiterat, in sno enm
re^no contiimanclo. Imo ilia se eanclem
^soannam a Oeo snscitatam esse atdi-madat.
Lnm i^itnr clie c^noclam cnm comiti
juniori d e i r t e n lz e r^, cpii eam tue-
katnr et locedat, Loloniam intrasset, c^uae
ma^ica cite viciedantnr üeri, tan6em per
praeclictum In^uisitorem, nt in eam inc^ni-
reretur, clilio enter investi^ata et citata
pudlice. Nappam enim c^nanclam clicedatur
lacerasse, et sudito in oculis omninm reciin-
te^rasse. Lt vitrnm c^nociclam ad parietem
a se factum et contractnm in momento re»
parasse, et similia plura inania ostentasse.
Lecl misera purere manciatis I^cclesiae re-
nuit, comitem antelatum praesicium ne

Stuttgart, Vuchdruckerei der Z

caperetnr dadnit per c^nem clam Lolonia
eclucta, manns c^niäem In^uisitoris, seci ex-
commnnicationis vinculum nan evasit. (^uo
tanclem aclacta, ex re^ionibus Alemannia«
exivit, metasc^ue (^alliae intravit, ndi mili-
tem c^nenclam, ne ecclasiastico interclicto
vexaretnr st ^laclio, cinxit in matrimonium.
Oeincle saceräos c^niclam, leno vocandus
potins, teminam Iranc verkis cielinivit ama-
toriis. Lnm c>uo postremo Lnrtim recedens,
Netensem civitatem intravit, nki, velut con-
cndinÄ cnm ipso daditans, c^nali spiritn
cincts, Uierit, cunctis manifeste ostenclit.«
Es ist uun die Frage, wer dieser Graf (der
jüngere) von Württ emb er g gewesen ist? Es
kann dies wohl bloß GrasUlrichV., „der Viel-
geliebte" von Württemberg (geb. 1413, -j- 1480),
Sohn des Grafen Eberhard IV. von Württem-
berg (geb. 1388, 1- 1419) und der Henriette von
Mömpelgard gewesen sein, welcher sich hernach
mit Margarete, Tochter des Herzogs Adolf von
Cleve vermählt hatte (und nicht dessen älterer
Bruder Graf Ludwig I., geb. 1412, -j- 1450),
da es bei Nider a. a. O. »comes jnnior« heißt.
Stälin d. ä. meint zwar in seiner württem-
bergischen Geschichte III, S. 442/443 Anm. 6,
es werde dies ein Graf von Virnenburg (zwi-
schen Köln und Trier) gewesen sein, was aber
doch sehr zu bezweifeln ist, da der Zeitgenosse
Nide r ausdrücklich ^Virtenker^ schreibt; Stälin
beruft sich für seine Ansicht noch auf die Metzer
Chronik z. I, 1436 (HuAuenin les clnoni^nes
de Uet? lyy et (Zuicderat ?roces cle ^seanne
6'^.rc V, Z2Z), wo der Graf cle ^VernemdonrA
und V/arnonbnrA heißt. Eine authentische Auf-
klärung aus Kölnisch-rheinischen Kreisen und ein
zuverlässiger Aufschluß über diese allein nach
nicht sehr saubere Affäre wäre sehr wünschens-
wert. Nider kommt dann a. a. O. nach dieser
„Kölner Johanna" auf die wahre scanne cl'/^rc,
was schon im „D.-A." XXII 1904 Nr. 12,
S. 192 veröffentlicht ist, welcher Veröffentlichung
wir hier noch den Schlußbericht Niders a. a. O.
über zwei weitere „falsche Johannas" in Paris
mil dein Bemerken beisügen, daß das Auftreten
der Jungfrau von Orleans sehr ansteckend wirkte
und eine Reihe von Nachtreterinnen und dergl.
Hervorries. »Eoclem tempore clnae leminae
prope ?arisüs proclierunt, se pndlice cü-
centes missas esse a Oeo, nt vir^ini ^so-
dannae essent sudsiclio, et ^uemacirnoclum
a praeclicto Na^istro I^icolao vivae vocis
or^ano anclivi velut ma^ae vel maleticae
per In^uisitnrem ?ranciae captae sunt, et
per plnres 8. 'I'lreoloAiae Ooctores exami-
natae. 4"antem repertae sunt, mali^ni spiri-
tus cleliramentis cleceptae. Ilncle cnm nna
ex illis teminis se per an^elnm 8atanae
seclnctam conspiceret, ex ma^istrornm in-
lormatione a coeptis resipuit, et errorem,
pront clednit, sratim revocavit. ^lia vero
in pertinacia permanens i^nidus consumta
est.« (v. d. Hardt, a. a. O. S. 600 bis 602.)

Hiezu eine Beilage:

Titel und Inhaltsverzeichnis.

.-Ges. „Deutsches Volksblatt"


03 /2008
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