Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 30.1912

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KLEINE KUNST-NACHRICHTEN.

MAI 1912.

PARISER KUNSTFRÜHLING. Die Gegensäße,
die Paris beherbergt, würden jede andere,
nicht französische Stadt zerreißen; hier dienen sie
nur dazu, das Leben zu bereichern und zu nähren.
Die verbindenden, die geselligen Elemente dieser
Stadt sind so stark, daß doch immer wieder die
Harmonisierung eintritt. Ja, vielleicht trägt gerade
dieses Übermaß von verbindenden und nivellieren-
den Kräften an der heftigen Herausarbeitung der
Gegensäße die Schuld. Das Ich fühlt sich bedroht
und individualisiert sich lieber gewaltsam, als daß
es sich wehrlos vergesellschaften läßt.

Deshalb hat die Individualisierung, selbst wenn
sie in der äußersten, barocken Steigerung auftritt,
hier nicht die gefährliche Bedeutung wie im red-
licheren Deutschland. Man tobt sich auf der duld-
samen Leinwand kubistisch aus, aber man hört
deshalb nicht auf, ein gesellschaftlich höchst dis-
kutabler Mensch zu sein. Man entfesselt auf dem
Papier futuristischer Aufrufe unermeßliche Feuers-
brünste, die alle Vergangenheit verzehren, aber
man achtet sorgfältig darauf, sein Haupt nach wie
vor mit dem konservativen Zylinder zu schmücken.
Jede heftige Individualisierung begegnet hier einem
verzeihenden und verständnisvollen Lächeln. Was
in Deutschland eine neue Weltanschauung wäre, ist
hier nur ein etwas lautes Plakat, ein Hilfsmittel zur
Karriere. Man lebt hier auf altem revolutionären
Boden; man kennt die Technik und die Psycho-
logie der Revolutionen zu gut, um umstürzlerische
Programme buchstäblich zu nehmen. Paris ist
laut; jeder weiß, daß man laut schreien muß, um
gehört zu werden, und jeder zieht deshalb von
vornherein von der Fanfare des anderen etwas ab.

Was ist mit dem Pointiiiismus? Er ist heute
tot, und er hat doch nicht umsonst gelebt. Daß
es mit dem Kubismus gerade so kommen wird,
ist für mich über jeden Zweifel erhaben. Den
deutschen Malern und Kunstfreunden, die, beun-
ruhigt und voll Angst, den Anschluß an die Zu-
kunft zu verlieren, vor den kubistischen Kund-
gebungen stehen, möchte man zurufen: Kaltes Blut!
In die Zukunft führen viele Wege, und man tut
besser, einer so deutlich markierten Straße wie
der kubistischen zu mißtrauen. In der Tat, von
allen Äußerungsformen des neuen Geistes, der das
malende Europa ergriffen, scheint mir der Kubis-
mus am einfachsten zu erledigen. Im Leinwand-
palast der Independants am Pont de l'Alma drän-
gen sich seine Dokumente. Einer malt ein Porträt
so, daß es aussieht wie das getreue Abbild eines
etwas wunderlichen Kerbschnittreliefs, das scharf
von einer Seite beleuchtet ist; eine ungemein pe-

dantische Arbeit, deren Prinzip sofort als eng, un-
fruchtbar und lebensunfähig erkannt wird. Denn
bei neuen Bewegungen kann es sich höchstens um
die Eroberung eines höheren Maßes von Ausdrucks-
freiheit handeln, niemals aber um die Erseßung
einer alten milden Schablone durch eine neue und
viel gewaltsamere. Denselben Eindruck der Un-
fruchtbarkeit liefert ein anderes Bild, das den
Formenschaß zweier weiblicher Gestalten kaleido-
skopisch geometrisiert; die Pedanterie des Ver-
fahrens schreckt ab, man zweifelt keinen Moment,
mit Lächeln weiterzugehen. Da stößt man gar auf
kubistische Plastik, einen gipsernen Herrn mit
rundem, steifem Filzhut, aus dem unter dem formen-
brechenden Einfluß des Kubismus eine Art drei-
stöckiger Tiara geworden ist. Es ist nicht darüber
zu reden. Wenn der Salon des Independants über-
haupt ein klares Ergebnis liefert, so ist es dies,
daß der Kubismus in 2 — 3 Jahren abgetan ist.
Er ist eine Sackgasse, die sich schon jeßt wieder
von Verirrten zu entleeren beginnt.

Aber — und das ist des Pudels Kern — die
Independants lehren auf der anderen Seite ganz
deutlich, daß irgend etwas im Werke ist. Dem
Buchstaben der Schulprogramme ist, wie gesagt,
nicht zu trauen. Was zwischen den Program-
men ist, möchte erfaßt und beachtet werden. Und
wie man bei Gedrucktem oft zwischen den Zeilen
lesen muß, so wird einem hier die Aufgabe ge-
stellt, zwischen den einzelnen Bildern, zwischen
den verschiedenen Schulen das Antliß einer neuen
europäischen Malerei zu erkennen. Seine Züge
sind dunkel und verwirrt. Man wittert uranfäng-
liche Barbarei darin, rauhe Naturlaute, von denen
man noch nicht ahnt, auf welche Weise sie einmal
zur Sprache des neuen Europa werden könnten.
Man stößt von sicheren Küsten ab und fährt mit
vollen Segeln auf das hohe Meer, wo es Festes
nicht mehr gibt, nur lauter Wege zu neuen Küsten.
Der Boden unter den Füßen schwankt und schau-
kelt. Aber auf der Fahrt nach Neuland kann man
es füglich nicht anders erwarten. Der Einwand,
daß diese starken, fast barbarischen Vereinfachun-
gen des Ausdruckes dem aufs äußerste differenzier-
ten Seelenzustande Europas nicht entsprächen,
liegt nahe. Aber war das Schicksal des deutschen
Kunstgewerbes, als es den erstarrten Scheinreich-
tum der alten Dekoration preisgab, ein anderes?
Haben wir nicht auch eine freiwillig arme, aske-
tische Architektur? Ich wiederhole: Der Kubismus,
der Futurismus mit ihren engen Schulprogrammen
verdienen kaum eine Minute des Bedenkens. Aber
die freiwillige Entäußerung von altem, schul-

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