Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 30.1912

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AUCH. H. DISTEL & A. GRUB1TZ.

LANDHAUS H. T. MAHR BERGSTEDT.

EIN SCHLESWIG-HOLSTEINISCHES LANDHAUS.

An der Wurzel Schleswig-Holsteins, in der Um-
2\gegend des Alsterlaufes, wo auch das hier
im Bilde wiedergegebene Landhaus für Herrn
H. T. Mahr von den Architekten H. Distel und
A. Grubitz erbaut ist, ist das niedersächsische
Bauernhaus heimisch, und zwar mit der Flett-
diele im Grundriß und mit dem Wahn, der nicht
ganz so weit wie die Seitendachflächen hinab-
reicht. Das Bauernhausdach wird natürlich
durch keinerlei Öffnungen unterbrochen, denn
der Raum unterm Dach wird nur für Lager-
zwecke benutzt. Besonders charakteristisch
für die Gegend ist ferner, daß auch der Ober-
stock bewohnt wird. — Als Baumaterial kommt
allein Backstein, und zwar der bläßlich rote,
sehr saugfähige und unterm Wind leicht aus-
trocknende Ziegel der Gegend in Betracht.
Die Diele führt bekanntlich von der vorderen
Giebelseite aus ins Hausinnere, neben den
Hauptständern liegen seitlich unter der Küb-
bung, die durch verlängerte Aufschieblinge ge-
bildet wird, die Ställe. Die große Diele mün-
det auf das quer durch die Mitte des Hauses

laufende Flett, das an beiden Enden eine Tür
hat (Blangdör = Seitentür).
- In der Architektur hat das alte Bürgerhaus
in der Stadt und auf dem Lande vielfach die
Grundgestalt des Bauernhauses beibehalten. —
Es fragt sich nun, ob es heute künstlerisch er-
laubt sein kann, diese Gestaltung für neue
Landhäuser wieder zu verwerten: Von vielen
Seiten wird das bestritten. Man weist darauf
hin, daß wir dann wieder dieselbe kranke Ro-
mantik hereinbekämen, die wir ja soeben erst
hinausbefördert haben, denn es sei doch einerlei,
ob einer in alten Ritterburgen oder in alten
Bauernhäusern posiere. Es komme vielmehr
heute darauf an, neue Gestaltungen zu finden,
usw. Darauf ist — an dem glücklichen Bei-
spiele des Hauses von Distel & Grubitz — zu
erwidern, daß es heute wie stets darauf an-
kommt, für das Bauwerk diejenige Gestaltung
zu finden, die für sein Wesen charakteristisch
ist, und zwar nach dem Grundsatze der größten
Zweckerfüllung mit dem geringsten Aufwände.
Wenn also Zwecke vorliegen, die den Zwecken

1912. XII. 8.

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