Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 68.1931

Page: 86
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1931/0100
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
GENIESSEN UND SCHAUEN

Die Künstler haben allen Grund zu Klagen:
in den Ateliers der Maler stapelt sich das
Unverkaufte; Bestellungen von der Art, von
dem Format, wie es sie früher einmal gab, kom-
men kaum vor. Auch dem Plastiker geht es nicht
besser. — Man braucht unserer Zeit nicht
Perioden der höchsten Blüte, wie die Renais-
sance, gegenüberstellen, es genügt ein Vergleich
mit dem ausgehenden letzten Jahrhundert, um
den Rückgang des Kunst-Konsums ganz
augenfällig zu machen.

Darüber, daß die Absatzmöglichkeiten heute
so reduziert sind und es wahrscheinlich für eine
Weile noch bleiben werden, wird den Künstler
kaum etwas hinwegtrösten können. Wenn es
doch eine Art Trost gibt, so ist es dieser: daß
heute zwar weniger Kunstwerke gekauft wer-
den, daß dafür aber dort, wo heute noch „Kunst-
Sinn" waltet — und nur an diesen wendet sich
ja der Künstler, — dieser eine Vertiefung
erfahren hat, die ihm vordem fehlte.

Denn: Früher — und wir meinen mit diesem
„Früher" etwa die Gründerzeit und die darauf-
folgenden Jahrzehnte —, früher wurde wohl

mehr Kunst „genossen", genießend konsu-
miert; man bedurfte ihrer scheinbar mehr als
heute, aber — nahe besehen — bediente man
sich ihrer doch mehr als eines Schmuckes, einer
Verbrämung des Lebens; sie war den Men-
schen damals um ihrer Reize willen wichtig.
Für uns aber ist sie von tieferer Bedeutsam-
keit. Wir suchen und schätzen nicht so sehr den
„Reiz", wir suchen den Gehalt; wir suchen
ihn, wir finden ihn auch, wo er ist.

Unser Verhalten der Kunst gegenüber hat
wenig mehr vom „Genießerischen", es ist ein
schauendes Verhalten geworden, ein be-
trachtendes Eindringen, ein Streben, das sich
nicht an der Oberfläche ergeht, sondern nach
der Tiefe, nach dem Grunde will, — ein Fragen
nach dem „Sinn" und ein Bemühen um seine
Deutung. — „Schauen" ist mehr als „Genießen",
es wird dem Werke, das der Künstler vor uns
hinstellt, gerecht, denn es trachtet es als ein

Ganzes zu umfangen..... dr. alfred wenzel.

*

Die Kunst ist das historisch Verbindende und
geistig Einende im menschlichen Leben, j. lange.
loading ...