Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 68.1931

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VOM SCHREIBEN ÜBER KUNST

Die Leistung der Großen in Kunst, Dichtung
und Denken überströmt das ganze Feld
menschlichen Lebens mit kostbaren, geistigen
Nährkräften. Nur nehmen die Einen unmittel-
barer, die Andern mittelbarer, die Einen früher,
die Andern später an diesen Kräften teil. Nur
Weniges von dem, was an großer Leistung unter
Menschen auftaucht, geht sogleich in die gei-
stigen „Blutbahnen" des Zeitalters über. Es
muß immer ein Einarbeitungs-Prozeß erfolgen,
der nicht selten erst lange nach dem Tode des
Großen zum Ziel gelangt. Selbst wenn einem
dieser Großen die stürmische Bewunderung
seiner Zeitgenossen zufiel, muß seine Leistung
durch diesen Einarbeitungs-Prozeß entfaltet im
Reichtum ihrer Bezüge auseinandergelegt wer-
den , um ihre ganze Fülle zu offenbaren. Hier
tritt die große Bedeutung zutage, die dem
„Schreiben über Kunst", überhaupt der gei-
stigen Bearbeitung der Kunstleistung zu-
kommt. So gewiß das Kunstwerk nur durch
Schauen erlebt werden kann, so gewiß ist jene
geistige Bearbeitung ein wichtiger Beitrag zu
seiner endgültigen Assimilation. Grünewalds

Werke waren den Augen Jahrhunderte hin-
durch zugänglich. Trotzdem wurden sie nicht
„gesehen", weil bis auf unsre Tage die geistige
Bereitschaft für sie nicht vorhanden war. Bach-
ofens unvergleichliche Bücher konnte zwischen
1860 und 1910 jeder lesen, der es wollte. Aber
sie blieben versiegelt, weil die geistige Einar-
beitung noch nicht geleistet war. Hölderlins
große tragische Dichtung lag uns ein Jahrhun-
dert lang vor, aber sie fand nicht eher unser
Herz, als bis ihr der Boden durch das auf-
schließende Wort bereitet war. Und so hat in
Hunderten von Fällen das erklärende Wort
Leben zu Leben gebracht, hat geistigen Taten
die „Stunde" herbeigeführt, hat mindestens
Widerstände beseitigt, die sich der Wirkung
großer Kunstleistungen in den Weg stellten.
Es ist die Würde der Kunsterörterung, daß
sie im Zuge jenes wichtigen Angleichungs-Vor-
ganges steht, der die Wirkung des Kunstwerks
erst als eine geschichtliche Tatsache hervor-
treten läßt. Indem sie eine rein rationale Tätig-
keit zu sein scheint, ist sie in Wahrheit ein
Lebensvorgang...... wilhelm michel.

JEAN LURCAT-PARIS. GEMÄLDE »GEBURT DES SEGELSCHIFFS« 1930
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