Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 68.1931

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GESTEIGERTES ERLEBEN

HERTHA
bücher
»MÄDCHEN-
biidnis«

Durch die Kunst hört unser Ohr zur Natur sei jedem Einzelnen möglich, als ein immerfort
„durch". Ihre Stimme ist es, die im Wort „angeredeter" und demgemäß als ein immerfort
der Kunst tönt; und zwar so, daß sie das Herz hörender und antwortender Mensch vor der
ergreift und tief ins Dasein des Menschen dringt. Natur zu stehen. Träfe das zu, dann wäre die
Es gilt, in diesem Zusammenhang etwas zu Kunst freilich überflüssig. Aber es trifft nicht
beherzigen, das heute nicht immer nach Gebühr zu. Viele unsrer Stunden sind tote Stunden,
gewürdigt wird. Natur umgibt uns überall; sei der Laut der Natur bricht sich in äußerem oder
es auch nur in Gestalt der lebendigen Menschen, innerem Lärm, unser Gemüt schwingt — wie
die sich mit uns im gleichen Lebensraum be- oft! — nicht mit, wenn uns Blumen oder Tiere
wegen. Aber die Fähigkeit des Einzelnen, Natur oder Berge und Wälder ihr Schönstes sagen.
überallmitbewegtemHerzenundmitschwingen- Da ruft uns ein Bild die Freude eines voll-
dcm Geist aufzufassen, ist beschränkt. Die kommeneren Weltblickes zu. Oder ein Ge-
Natur „zündet" nicht immer in uns. Wir hören dicht zieht uns in den Rhythmus segelnder
oft nur den Laut von ihr, aber wir fassen diesen Wolken, wogender Ährenfelder, rauschender
Laut durchaus nicht immer als Sprache, als Forste hinein. Unsere eigenen Organe des
anredendes und uns angehendes Wort auf. sehenden und hörenden Erlebens reichen
Da greifen die Künstler mit ihren breiteren und eine Strecke weit. Aber die Kunst ist das große
wärmeren Naturbeziehungen ein. Sie bringen Hilfsorgan der Menschheit. Wir sind nicht allein
uns Welt ins Haus; aber redende, ergriffene im Leben. Wir haben nicht ein einzelnes Da-
undergreifende Welt. Man könnte auch sagen: sein. Uns helfen die Vielen leben, die neben
gedeutete Welt—wenn man unter „Deutung" uns sind, und die noch größere Zahl derer,
die Herzensregung, die inwendige „Betroffen- die vor uns waren. Alles, was sie erfuhren,
heit" verstehen will, die unvermeidlich in die gehört uns zu, und schenkt uns jene Fülle
Weltschilderung der Künstler einfließen. der Weltbegegnungcn, die unser Dasein mit zu
— Die heutige Bildfeindschaft behauptet, es einem „Menschen-Leben" macht......w.m.

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