Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 68.1931

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DAS NEUE KUNSTERLEBNIS

Das Kunsterlebnis will heute mehr in die seine frühere, alleinige Geltung verloren; darum

Breite gehen. Es war in impressionistischen tritt der Künstler nicht mehr in so betonter Weise

Zeiten eine betont individuelle Angelegenheit, als Einzelner vor die Welt; darum ist er nicht

wie auch der Künstler vornehmlich ein „Ein- mehr in erster Linie „Privatmann", der private

zelner" war. Er stellte sich als Eigen-Sinniger Gefühle pflegt, sondern Beauftragter, Wortführer,

und Eigen-Williger der Welt und den Mitmen- fast eine Art Delegierter. Darum ist auch das

sehen entgegen. Heute erlebt er sich mehr als Publikum, an das die Kunst sich wendet, nicht

Exponent einer Masse. Wir fühlen: was ihm mehr der einzelne, ästhetische Genießer, der sich

die Erlaubnis zum Sprechen gibt, ist nicht seine in seinem Kunstkultus von der Welt absondert

Besonderheit, sondern seine Teilhabe am Den- und das Kunstwerk nach persönlichsten Ver-

ken und Empfinden der Vielen. traulichkeiten abhorcht, sondern die Kunstwir-

Darin spiegelt sich das Grundlegende der kung strebt in die Breite, sucht das einfache,

heutigen Menschensituation wider: Weniger schlagende Wort, das Viele trifft. Die Lyrik in

denn je stehen wir heute als Einzelne in der der Dichtung, das individualistische Skizzenblatt,

Welt und vor der Welt. Massen stehen gegen das private Apercu in der bildenden Kunst, das

Massen. Die objektiven Zusammenhänge, denen schrullige, auf die persönlichste Note zugeschnit-

wir eingegliedert sind, bestimmen unser Schick- tene Eigenhaus in der Architektur — sie haben

sal. Was vermag der Einzelne gegen seine nicht mehr die Geltung, die sie im Zeitalter des

soziale Eingliederung? Was vermag er gegen Individualismus hatten. Der eingegliederte, nicht

Technik, Maschine und Maschinisierung? In mehr der unabhängige Mensch ist in der heutigen

allen heutigen Kämpfen stehen Gewalten gegen Kunst Sprecher und Hörer. Nicht „Kunst für die

Gewalten, die beiderseits überpersönlich sind. Masse", sondern Kunst aus dem erlebten Zu-

Darum hat überall das Besondere im Menschen sammenhang der heutigen Menschheit. . w. m.

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