Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 68.1931

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BILDER IM MODERNEN HAUSE

von j. w. schülein

Auf der großen Berliner Bauausstellung fällt Es war begreiflich, daß die neue Baukunst in
l als eine der eigenartigsten Leistungen das ihrem Kampf gegen den Historismus und an-
Erdgeschoß-Wohnhaus Mies van der Rohes, des gesichts neuer Bauaufgaben, neuen Baumate-
Leiters des Dessauer Bauhauses auf. rials, neuer Bautechnik sich nur mit diesen
Bei Eröffnung der Ausstellung schmückte Problemen beschäftigte, wieder ganz neu bei
kein Bild die großen, hellen Wände dieses diesen Wurzeln der Gestaltung anfing und vor-
Hauses. Man bedauerte es, aber man wunderte erst alles Andere ausschaltete, alles Unberechen-
sich nicht darüber angesichts der bekannten bare, Spielende, Persönliche und deshalb auch
Einstellung der modernen Architekten. die bildende Kunst, die zeitlose, nicht zweck-

Nun — einige Wochen später — welch eine bestimmte aus ihren Räumen verbannte.

Überraschung! Mit einem Male hängen Bilder Nun aber hat die moderne Architektur für

dort, gegenständliche und abstrakte Bilder. Und die neuen Bauaufgaben eine selbständige Lö-

es erweist sich als Wahrheit, was von seiten sung gefunden und ist in sich selbst gefestigt ge-

der Künstler und einsichtsvoller Kunstfreunde nug, um dem freien Formenspiel und der zum

öfters in den letzten Jahren behauptet worden Gesetz erhobenen Gegenständlichkeit bildender

ist: Die Wände, die Räume gewinnen durch Kunst Platz zu gewähren. Gerade der Kontrast

diese Bilder und die Bilder könnten keinen bes- zwischen technischer Gesinnung dort und dem

seren Platz haben wie diese hellen, einfachen, geistigen, freien Wesensausdruck hier wird zur

klaren Wandflächen. Würze der Begegnung.

Dies Bekenntnis eines so radikalen, eines so So mag das Vorgehen Mies van der Rohes —

maßgebenden Architekten wie Mies van der das übrigens auf der Ausstellung nicht verein-

Rohe zum Bildschmuck der Wände ist ein er- zeit dasteht — als ein Zeichen der Stärke mo-

freuliches Zeichen einer veränderten Einstellung derner Architektur anerkannt werden und für

moderner Baukunst zur bildenden Kunst. Maler und Bildhauer eine Hoffnung sein, j.w.sch.

XXXIV. September 1981. 8
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