Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 68.1931

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DIENENDE ODER HERRSCHENDE KUNST

VON DR. OSKAR SCHÜRER

Im Lebenshaushalt des menschlichen Geistes
mag, ja muß die Kunst von allem Anfang an
ihre herrschende Bedeutung innegehabt haben.
Ihr Erscheinen in der Zeit jedoch ging nur in
langsamem Anstieg von Dienst zu Herrschaft
vor sich. Wo wir die Künste einer Kultur
zurückverfolgen auf ihre Ursprünge, da finden
wir sie in dienendem Verhältnis zum Leben,
sei es als Schmuck, sei es als Zeichen irgend
welcher religiösen oder Wahn-Bedeutung. Sie
durchsetzt gleichsam die unteren Schichten des
beginnenden Kulturgefüges und zwingt sie in
eine gewisse Ordnung. Dann sehen wir sie all-
mählich aufsteigen. Immer höhere Schichten
werden von ihr verbrämt, nein: schon geformt.
(In der Bauentwicklung ist es am eindrücklich-
sten zu verfolgen.) Und wo die Kultur ihre Blüte
erreicht, da treffen wir die einst dienende Kunst,
zur höchsten Herrschaft gelangt. Schon steht
sie oft neben der Religion, deren erste Dienerin

sie doch lange war. Und Zeiten kennen wir,
da sie an Geltung die Religion überflügelte.

Wir wollen hier nicht ausführen, daß eine
Zeit, die die Kunst über die Religion stellt,
ebenso ihres tiefsten Sinnes verlustig gegangen
ist, wie eine Zeit, welche der Kunst entraten
zu können glaubt. In diesen Belangen gibt es
kein „höher" oder „tiefer", ebenso wie es hier
kein „ohne" geben kann, wo Grundfunktionen
des menschlichen Geistes in Rede stehen. Ge-
nug für diesen Zusammenhang, sich klar zu
machen, daß die zeitliche Entwicklung, besser
Entfaltung von je die Kunst aus dienender
Stellung zu herrschender geführt hat. Als Die-
nerin ebenso wie als Herrscherin erfüllte sie
ihre Funktion: sie ordnete und machte durch
Gestaltung bewußt, immer in dem Grade, zu
dem die betreffende Zeit gereift war.

Fragen wir nach der Stelle, wo in unserm
Leben die Kunst steht. Ideologisch zweifellos

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