Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 68.1931

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shellhaus in hamburg »mosaikbild in der halle*

TEMPERATURFRAGEN

Kunst ist im menschlichen Leben ein Element
der Wärme. Vernunft hat immer eine
niedrige Temperatur, eine Kühle, Gestaltung
aber (und vor allem die künstlerische Ge-
staltung) kommt aus Wärme und spendet Wärme.
Was ist damit ausgesprochen? Nun, unter
anderem die sonst so schwer erklärbare Tat-
sache, daß die Menschen (in ihrem Einzeldasein
wie in der Abfolge der Generationen) einmal
verlangender, einmal ablehnender zur Kunst
stehen — genau wie zur Wärme. Man friert
manchmal; dann sucht man die Wärme. Man
fühlt sich manchmal überhitzt oder von dumpfer,
schwüler Luft umgeben ; dann verlangt man nach
Kühle und Frische.

Es ist durchaus nicht zufällig, daß die etwas
laue Stimmung gegenüber der Kunst, die es
heute in gewissen Kreisen gibt, sich ebenfalls
der Terminologie von Warm und Kalt bedient.
Man spricht in der Literatur davon, daß wir
Gefühle heute nur dann vertragen, wenn sie
„ausgekühlt" oder gar „eingefrostet" sind. Man
liebt das kühle Metall, das kühle Glas, über-
haupt die gemäßigte Temperatur des technischen
D enkens. Man liebt in der Wohnung das Helle und
das Frische. Und man flieht durchgehends alle
Stimmungen oder Elemente von der „warmen"
Seite: das Romantische, das Träumerische, das
Pathetische. Deutlich tritt überall eine Vorliebe

des Zeitalters für das Kühle, Glatte, Blanke
hervor. Aber wenn darunter auch zunächst das
Verhältnis des Menschen zur Kunst leiden sollte:
er ist und bleibt ein Warmblüter, und sobald der
Augenblick gekommen ist, daß seine psychische
Temperatur unter den roten Strich zu sinken
droht, wird er zuverlässig wie der auf die S o n n e n-
seite des irdischen Jammertals gehen und sich
dort im Garten der Kunst der Wärme er-
freuen. — Man merkt heute schon gelegentlich
Anzeichen davon. Bauten, die vor kurzem noch
jede Mitwirkung des Bildhauers oder Malers
wie die Pest geflohen hätten, fügen ihrem Kör-
per einige Strophen künstlerischer Form ein.
In der Wohnung wagt sich das Bild, das farbig
belebte Gewebe, die Stickerei wieder vor. Die
Neigung zur betonten Kühle ist immer nur ein
Übergang. Man lüftet — aber dann sorgt man
wieder für eine behagliche Temperatur. Was
die technische Form anlangt, so wird auch sie
keineswegs das A und 0 der gesamten Zukunft
sein. Binnen kurzem wird sich herausstellen,
daß diese ganze Rationalisierung und Standar-
disierung, dieser ganze mächtige Vorstoß der
Maschine mit allen seinen weittragenden Folgen
nicht schon „die neue Zeit" ist, sondern nur
ein Teil ihres Rohstoffes; ein Rohstoff, der dann
erst der formenden, vermenschlichenden Bear-
beitung unterworfen werden muß......w. m.
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