Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 68.1931

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IST KUNST LUXUS?

VON DR. FRITZ NEMITZ

In letzter Zeit ist öfter die Ansicht verbreitet
worden, die Kunst sei etwas Über-Notwen-
diges, sie sei Luxus. Zunächst käme die Wirt-
schaft, und erst wenn für das Notwendige so
ausreichend gesorgt sei, daß genügend Kraft
für Über-Notwendiges bliebe, trete die Kunst
in den Interessenkreis der Menschheit. Auf ähn-
licher Basis beruht auch die Polemik gewisser
modernistischer Architekten gegen die bildende
Kunst: sie sei ein Luxusartikel, eine Umschrei-
bung von etwas „Direktem" und „Wirklichem",
das auch ohne Kunst da wäre. Die Zeit, Kunst

oder ähnliche idyllische Dinge zu treiben, sei
vorbei; jetzt gelte es, Dokumente zu liefern,
die „Tatsachen" sprechen zu lassen. Jedes
Streben nach einer vollkommenen Form, nach
„Komposition" sei Unsinn, denn eben durch
diese Geschlossenheit habe das Kunstwerk die
Beziehung zum Leben verloren. Durch jede die-
ser beiden Thesen wird das Wesen und die
Funktion der Kunst auf eine materialistische
Basis zurückgeführt, deren roh-mechanistische
Konstruktion weder richtig noch falsch, sondern
ohne Sinn ist. Was die Abhängigkeit der Kunst
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