Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 68.1931

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Akademie und Secession in Berlin

muß. Aber freilich, hinter ihnen her schwimmt
eine stets bedrohlicher anschwellende Flut der
Gleichgültigkeiten und Mittelmäßigkeiten, die
vielfach sehr brav und sogar anständig sein
mögen, mit denen sich aber beim besten Willen
nichts anfangen läßt. Daß auch die Akademie
sich mit solchen Nieten reichlich belastet, ist
zu bedauern. In den oben genannten Verjün-
gungstrank hat sie längst wieder verdünnende
Limonade gegossen. Die Aufbegehrenden, die
Nachrückenden sind entweder hinauskompli-
mentiert oder klopfen gar nicht mehr an, weil
sie verschlossene Türen ahnen. Lustig und über-
mütig spiegelte sich diese Situation in dem kek-
ken, dabei malerisch höchst feinfühligen Ulk von
Felix Nußbaum, der unter dem Titel „Der tolle
Pariser Platz " in der Secession Aufsehen machte.
Man sieht den spielzeugartig stilisierten Platz
beim Brandenburger Tor, links marschieren alte
Knacker mit weißen Vollbärten, Bratenröcken
und Zylindern in die geheiligte Pforte der Aka-
demie, während auf dem Pflaster die jungen
Leute sich drängen und nicht hineingelassen
werden. Gerade diese Gruppe ist von eigen-
artigstem Farbenreiz, die Maler selbst in ihren
Kitteln und die mit diabolischem Vergnügen
peinlich ausgeführten Bilder, die sie in den
Händen halten. Auch Zeus-Liebermann wurde
bei der Gelegenheit kräftig geneckt: über seinem
Hause neben dem Brandenburger Tor hält die
herabgenommene Viktoria der nahen Sieges-
säule das Bild des Gewaltigen. So viel gute
Laune haben nicht alle Künstler; Felix Nußbaum,
der nicht zum ersten Mal aufmerken läßt, ist
eine Nummer für sich.

Befremdet hat in Berlin, daß die Akademie
ihren riesigen Hauptsaal in seiner „Gänze" dem
Stuttgarter Heinrich Altherr zur Verfügung
stellte. Solchem Anspruch ist diese ohne Zweifel
respektable Kunst nicht gewachsen. Sie ver-
fügt über sonore Akkorde, die mitunter er-
wärmen, sie hat eine solide Basis, sie kommt
in den Porträts und manchen kleineren Kom-
positionen zu ansehnlichen Einzelleistungen,
aber ihre dekorative Romantik, die von vielen
Seiten Anregungen übernimmt, ist keineswegs
ausdrucksvoll genug, um eine derartige Anord-
nung zu rechtfertigen. Man hat damit Altherr
selbst und der Ausstellung in gleicher Weise
geschadet.

Immerhin kann die Akademie mit Gegen-
gewichten aufwarten. Zwei andere Kollektiv-
ausstellungen: von Gerhart Mareks und Max
Beckmann, sprechen mit unmittelbarer Ein-
dringlichkeit. Dieser Bildhauer und dieser
Maler, das bestätigt sich aufs neue, gehören in
die erste Reihe derer, in deren Blutbahnen und

seelische Gründe das Welt- und Zeitgefühl
unserer Epoche eingedrungen ist, sodaß jedes
ihrer Werke einen geheimnisvollen Gegenwarts-
stempel erhält. Hier wie dort packt ein Klang
unserer spezifischen Lebensmelodie, etwas wie
eine sinnfällig gewordene, schmerzliche Erkennt-
nis von der Fragwürdigkeit unserer Existenz.
Gerhart Mareks vor allem hat sich noch nie so
reich und frei vorgestellt. Die Beckmann-Aus-
wahl ist sorgloser; gerade jetzt, wo hier ein
neues Suchen nach klarem malerischem Auf-
bau anhebt, das sich mitunter noch verrennt,
heißt es scharf aufpassen.

Die alte Garde der Akademie hält sich außer-
ordentlich. Liebermann selbst, nun vierund-
achtzig jährig, schickte ein neues Selbstbildnis,
dessen Blick sonderbar und ergreifend in die
Ferne irrt, und das ganz frisch und sinnlich
erfaßte Porträt einer jungen Frau im Pelzmantel.
Slevogt füllte ein Kabinett mit dem zarten
Schimmer seiner Malereien. Zwar ein paar große
Porträts des Reichspräsidenten und des früheren
Reichsbankpräsidenten stellen sich als unge-
ratene Kinder des Meisters vor. Aber da gibt
es eine Studie nach dem Kopf Jakob Wasser-
manns, da gibt es Gartenausschnitte, von flim-
merndem Licht, von gleichsam schmeckbarer
Luft trächtig, da gibt es köstliche Stilleben —■ das
alles echtgeborene Sievogt-Abkömmlinge. Dann
eine Überraschung: Käte Kollwitz als Bild-r
hauerin. Leidvolles mütterliches Kriegserleben
drängte die verehrte Frau zum plastischen Aus-
druck; für den deutschen Soldatenfriedhof in
Belgien, auf dem ihr Sohn ruht, erfand sie zwei
Gestalten. Sofort wuchs der Plan aus dem Per-
sönlichen ins Allgemeine. Die Figuren dieses
knieenden Paares, des still gefaßten Mannes
und der gebeugten Mutter (deren Züge uns
wohlbekannt sind), warten noch der letzten Ab-
rundung, aber schon lebt in diesen ersten Skulp-
turen die rührende stumme Gebärde der Koll-
witz-Kunst.

Freilich, es gibt auch eine andere altaka-
demische Abteilung, die uns weniger begeistert.
Denn nach dem ehernen Gesetz des Instituts
genießen seine Mitglieder Juryfreiheit. . . Son-
derbar genug wirken demgegenüber die frischen
Arbeiten der wenigen Jungen und Unbekann-
ten, die nun doch, aber gar zu unsystematisch
und zufällig, hereingebeten wurden. Meyboden,
Radziwill, von Merveldt, der amüsante Gustav
Wiethüchter aus Barmen gehören dazu. Auch
Xaver Fuhr aus Mannheim, der freilich schon
eine Berühmtheit ist, und Ringelnatz, dessen
zarte romantische Empfindsamkeiten in so
drollig - nachdenklichem Gegensatz zu seinem
literarischen Matrosentum stehen.
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