Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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rockisierendem Dekor versehen, der dem
Haus ein filigranes Äußeres gibt. Insbesonde-
re das erste Obergeschoß mit der fachwerkar-
tigen Gliederung durch Säulen, riegelähnliche
Verbindungen und Knaggen, die das weit vor-
kragende Kranzgesims tragen, gibt dem Bau
das besondere Gepräge. Erwähnt werden
sollte, daß Teile des Gebäudes vermutlich
vom Abbruch des alten Bremer Bahnhofs
stammen.
Auf der Südseite der Bleekstraße begann im
Anfang des 20. Jh. die Bebauung mit freiste-
henden Wohnhäusern. Als interessantestes
Gebäude sei hier die Nr. 5 genannt. Der um
1905 errichtete zweigeschossige Putzbau,
dessen Grundform aus einem kubusförmigen
Körper besteht, wird durch Risalite, Erker und
ausluchtartige Vorbauten, sowie durch Balko-
ne und Loggien plastisch durchgebildet.
Möglicherweise hat der Bau der Güterumge-
hungsbahn, die 1909 eröffnet wurde, an den
Grundstücken der Bleekstraße eine weitere
Bebauung zunächst beeinträchtigt. Die Bahn-
linie brachte es durch die hochliegenden Glei-
se zudem mit sich, daß eine deutliche Abtren-
nung eines Teiles des Kirchröder Gebietes er-
folgte, die durch Brücken über alle bereits
bestehenden Straßen jedoch nur optisch wirk-
sam wird. Die durchgängig als Stahlbalken-
brücken ausgebildeten Bauwerke bestechen
heute insbesondere durch die gute Gestal-
tung der Widerlager mit Sandsteinpylonen in
Jugendstilformen. Von den insgesamt acht
Brücken seien die über die Lange-Feld-Straße
und zwei Brücken im Tiergarten herausge-
stellt.
BAULICHE ENTWICKLUNG NACH DEM
ERSTEN WELTKRIEG
Bis zum Beginn der dreißiger Jahre war die
bestehende Bebauung lediglich um einige,
über das Gesamtgebiet verstreute Einfami-
lienhäuser erweitert worden. Der größte Flä-
chenanteil der Kirchröder Gemarkung war
immer noch landwirtschaftlich genutztes Ak-
ker- und Weideland. Inmitten dieser Agrar-
landschaft entstand in den Jahren 1930/31
der Bau eines der bedeutendsten Architekten
des 20. Jh.: das ehemalige Damenstift der
Minna-James-Heinemannstiftung von Henry
van de Velde. Gemeinsam mit dem hannover-
schen Gartenarchitekten Wilhelm Hübotter
schuf van de Velde ein Bauwerk, das in star-
ker Wechselbeziehung zu dem umgebenden
parkartigen Gelände stand. Architektur und
Natur bildeten eine Einheit.
Veränderungen, insbesondere durch Neu-
bauten der Nachkriegszeit haben dieses Kon-
zept leider zerstört. Erhalten blieb das Alten-
stift mit einem auf der Südseite gelegenen Teil
des Parks sowie den beiden Torhäusern an
der Brabeckstraße und der anschließenden
kurzen Allee. Durch die Torhäuser, die eben-
so wie der Hauptbau mit handgestrichenen
belgischen Klinkern verblendet sind, führt die
Allee vor die Nordfront des heutigen Pflege-
heims. Eine strenge, auf die Mittelachse bezo-
genen Symmetrie beherrscht den dreige-
schossigen Bau. Fensterbänder verstärken
die horizontale Betonung des breit gelagerten
Baukörpers. Die senkrechten Fensterzeilen
beider Treppenhäuser in den vorgezogenen

Eckflügeln setzen eine deutliche seitliche Be-
grenzung. Eine zweiarmige, parallel zur Fas-
sade verlaufende Rampe führt zum mittigen
Eingangsvorbau. Ganz anders als die mit
sparsamen Mitteln gegliederte Nordfront stellt
sich die Südseite dar. Aus der Forderung des
Bauherrn, daß jeder Balkon „offenen Himmel“
über sich haben sollte und Einblick auf andere
Balkone zu vermeiden war, schuf van de Vel-
de eine stark rhythmische Fassade aus vor-
springenden, polygonal abgeschrägten For-
men mit glatten Zwischenzonen. Die Mitte der
auch auf der Rückseite symmetrischen Fas-
sade wird hervorgehoben durch eine große,
über Stufen erreichbare Terrasse, der unmit-
telbaren Verbindung von Architektur und
Landschaft. Van de Velde hat mit diesem ein-
zigartigen Bau ein äußerst qualitätvolles Werk
von europäischem Rang geschaffen.
Der van de Velde-Bau ist in der Entwicklung
Kirchrodes wohl der letzte besonders heraus-
zuhebende Bau gewesen. In den danach fol-
genden Jahren und Jahrzehnten hat sich der
ehemals landwirtschaftlich strukturierte Ort zu
einem ausgedehnten Einfamilienhausgebiet
entwickelt, in dem nur noch wenig unbebautes
Gelände übrig blieb.

Heinemannhof 1 -2, „Heinemannstift“,
Nordseite, 1930/31, Architekt H. van de Velde


29 DÖHREN

Der Stadtteil Döhren wird im Norden begrenzt
vom Bahndamm der 1909 erbauten Güterum-
gehungsbahn, der 1853 erbauten Bahnlinie
Hannover-Kassel im Osten, derGarkenburg-
straße und Bothmerstraße im Süden und im
Westen von einer Grenzlinie, die von der Gü-
terumgehungsbahn entlang der Leine und
den Ricklinger Teichen zur Wiehbergstraße
verläuft. Zur ehemaligen Gemarkung Döhren
gehörten auch die heutigen Stadtteile Wald-
hausen und Waldheim, die ebenso wie Döh-
ren 1907 nach Hannover eingemeindet wur-
den.

DAS ALTE DORF
Voraussetzung für die Entstehung und Ent-
wicklung Döhrens war die günstige topogra-
phische Lage am rechten Ufer der Leine auf
einem hochwasserfreien Geestrücken. Die In-
selbildung der Leine an dieser Stelle und da-
mit ein leichter Flußübergang mag neben der
Möglichkeit zum Fischfang und der Nähe zu
fließendem Wasser ein weiterer Grund für die
Ansiedlung gewesen sein.

Brabeckstraße 86, „Heinemannstift“,
Torbauten, 1930/31, Architekt H. van de Velde


Heinemannhof 1 -2, „Heinemannstift“, Südseite, 1930/31,
Architekt H. van de Velde


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