Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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Auch die anderen in ihrer Bausubstanz erheb-
lich jüngeren Hofstellen sind nicht mehr land-
wirtschaftlich genutzt. Kurz nach 1900 wurde
die Bebauung um wenige niedrige Mietwohn-
häuser ergänzt. Die südöstlich der Hannover-
schen Straße gelegenen Hofstellen wurden
nach 1945 aufgehoben. An den ehemaligen
Besiedlungsplatz schließt sich nach Nord-
osten der etwa Mitte der sechziger Jahre an-
gelegte Stadtfriedhof Lahe an.
Der Stadtteil wird im Osten zu zwei Dritteln
vom Altwarmbüchener Moor eingenommen.
Die 1931 vom Landwirtschaftsministerium an-
geordnete Kultivierung einer Teilfläche hatte
die verstreute Ansiedlung von etwa 100 Sied-
lern an Moorwaldwegen und an der alten Pei-
ner Heerstraße zur Folge.
Die größte Veränderung erlebte der Stadtteil
durch die Anlage der Autobahn Berlin-Dort-
mund und den Autobahnzubringer im Zuge
der Bundesstraße 3 bzw. des Messeschnell-
weges. Aufgrund der Erdarbeiten entstand im
Norden ein See; eine ähnlich große Fläche
nimmt die Mülldeponie im Altwarmbüchener
Moor ein.

25 GROSS-BUCHHOLZ

Der Stadtteil Groß-Buchholz umfaßt neben
dem Dorf- und Feldmarkbereich von Groß-
Buchholz das südlich anschließende Gebiet
der ehemaligen Buchholzer Heide sowie
nördlich des Mittellandkanals die Dorfmark
von Klein-Buchholz. Im Norden bildet die Pod-
bielskistraße mit einem Zwickel Klingerstraße/
Mittellandkanal die Grenze. Die Ostgrenze
verläuft unregelmäßig, am Rande des Misbur-
ger Waldes beginnend, nach Süden und
schwenkt an der Misburger Straße nach We-
sten ab, folgt dann dem Verlauf eines ehemali-
gen Feldwegs (Baumschulenweg) bis Karl-
Wiechert-Allee über Helstorfer Straße, Meck-
lenburger Straße bis zum Eilenriederand. Hier
sind Kleestraße und der Eilenriede-Grenzgra-
ben bis zur Podbielskistraße die Westgrenze.
Die Entstehung des Dorfes Groß-Buchholz
hängt zeitlich eng zusammen mit der Anlage
der Lüneburger Landwehr im Nordosten Han-
novers, deren Verlauf heute etwa durch den
Messe-Schnellweg nordöstlich des Weidetor-
kreisels markiert wird. Der am weitesten nach
Nordosten vorgeschobene Wartturm war die

Kapellenbrink 4, ehern. Kapelle Pinkenburger Gang 7,
Wohnwirtschaftsgebäude, 1619


Kapellenbrink 8, Wohnwirtschaftsgebäude, 1711


Pinkenburg, unter deren Aufsicht die einzige
Brücke zwischen Eilenriede und Moor über
den 1365 zur Torf- und Holzabfuhr angelegten
Schiffgraben lag. Nach der Überlieferung soll-
te von hier aus die Stadt durch ein akustisches
Signal, das „Pinken“, das am Steuerndieb
und Lister Turm zu hören war, gewarnt wer-
den. Schon 1387 wurde der Turm abgerissen.
Ein Wach- und Zollhaus bestand fort. Seit dem
17. Jh. war mit dieser Stelle ein bis heute vor-
handener Krug verbunden. 1709 erfolgte die
Umwandlung der Pinkenburg in eine Brinksit-
zerstelle.
Wohl im 12. Jh. wurden die ersten Höfe auf der
trockenen Sandschwelle im Dreieck zwischen
den Straßen Groß-Buchholzer Straße und
Kirchweg sowie Kapellenbrink angelegt. Es
entstanden zunächst neun Vollmeierhöfe, an
die sich in einer zweiten Phase die vier Halb-
meierhöfe anlehnten. Wahrscheinlich ermög-
lichte die fortschreitende Austrocknung des
Grundes in einer dritten Phase die Anlage der
Brinksitzerstellen an der Pinkenburger Straße
und der Silberstraße.
Die Zahl der Hofstellen wuchs bis zum Drei-
ßigjährigen Krieg auf 31 an. Nach einem zwi-
schenzeitlichen Bevölkerungsrückgang Mitte
des 17. Jh. aufgrund der Kriegsfolgen und
Pest (1624) blieb die Zahl der Hofstellen bis
ins 19. Jh. nahezu konstant (1842: neun Voll-
meier, vier Halbmeier, sechs Kötner, 15 Brink-
sitzer). Dieser Dorfbereich ist auch heute noch
wegen seiner überwiegend erhaltenen Wege-
und Grundstücksstruktur, dem Baumbestand
und nicht zuletzt der vergleichsweise reichen
bäuerlichen Fachwerksubstanz von hoher
Aussagekraft für die dörfliche Vergangenheit
des Stadtteils.
Kapelle
Ältester Bau ist die ehemalige Kapelle. Groß-
Buchholz gehörte zunächst wie Bothfeld zum
Kirchspiel Kirchrode; nachdem Bothfeld 1295
selbständige Kirchengemeinde geworden
war, zählte Groß-Buchholz zum Kirchspiel
Bothfeld. Wohl zu Beginn des 14. Jh. bauten
die Dorfbewohner eine eigene, dem hl. Anto-
nius geweihte Kapelle (Kapellenbrink 4). Der
einfache aus Feldsteinen und Ziegeln errich-
tete Bau hat einen 3/8-Chorschluß.
Seit Einführung der Reformation in der Mitte
des 16. Jh. bis zum Neubau eines Schulhau-
ses 1797 wurde die Kapelle als Schule be-
nutzt. Danach richtete sich der vermutlich er-
ste Anbauer in dem durch Fachwerk-Anbau-
ten erweiterten Gebäude ein, das seitdem als
Wohnhaus dient.
Die bäuerlichen Gebäude reichen bis in das
16. Jh. zurück. Das Haupthaus der ehemali-
gen Vollmeierstelle Nr. 4 (Groß-Buchholzer
Straße 9) weist ein im Wirtschaftsteil unver-
bautes Innengerüst von 1581 auf. Der Zwei-
ständerbau mit Unterrähmzimmerung und
Sparrenschwelle ist das größte Kübbungs-
haus im Hannoveraner Stadtgebiet. 17(47)6
erhielt es einen neuen Wirtschaftsgiebel,
1769 den ebenfalls vorkragenden Wohngie-
bel, der zur Straße zeigt. Neben der herausra-
genden Stellung wegen seines Alters und Sel-
tenheitswerts der Baukonstruktion ist das
Haus durch die ungestörte Lage von Bedeu-
tung.

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