Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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1904 wurde auf der Westseite der Anderter
Straße die Johannis-Kirche eingeweiht, die
von dem hannoverschen Architekten Prof.
Karl Mohrmann als zweischiffige Hallenkirche
mit gotisierenden Formen in Backstein und
hellen Putzgliederungen entworfen worden
war. An der zur Straße gelegenen Front erhebt
sich an der Südostecke der schlanke, mit ho-
hem Helm versehene quadratische Glocken-
turm, der mit einem an der Nordostecke ange-
ordneten Treppentürmchen für die Orgel-
empore die aufwendig gestaltete Hauptfassa-
de einfaßt. Der Eingang besteht aus drei
gleichgroßen spitzbogigen Portalen mit stark
profilierten Gewänden und dreipaßähnlichen
Ornamenten in den Bogenfeldern, die von
Wimpergen bekrönt sind. Darüber erhebt sich
bis zur Firsthöhe ein dreifach gegliedertes
symmetrisches Blendmaßwerk mit Blendfen-
stern und -rosetten, das der eigentlichen Gie-
belwand vorgelagert ist. Weiße Putzflächen
bilden starke Kontraste zum filigranen Maß-
werk. Ähnliche, jedoch weniger aufwendige
Gestaltungselemente schmücken den Turm,
die hohen spitzbogigen Fenster der Schiffe
und den Chor, an dem eine große kreisrunde


Max-Kuhlemann-Straße, Herz-Jesu-Kirche,
1905, Architekt M. Jagielski

Rosette den Mittelpunkt bildet. Kräftige Stre-
bepfeiler unterteilen die vier Joche der Kirche.
Im Innenraum konnten durch besondere Aus-
bildung der Sterngewölbe die beiden Stützen
zwischen dem ersten und zweiten und dem
dritten und vierten Joch entfallen, so daß nur
eine tragende Säule die Halle unterteilt.
DAS INDUSTRIEGEBIET
Etwa gleichzeitig zur evangelischen Johan-
niskirche entstand 1905 die katholische
Kirche „Herz-Jesu“ an der Max-Kuhlemann-
Straße. Das die Kirche umgebende Wohnge-
biet war von überwiegend katholischen Arbei-
tern des nahen Zementwerkes bewohnt, die
aus ostdeutschen Gebieten angeworben wor-
den waren. Die von Maximilian Jagielski ent-
worfene Kirche ist eine dreischiffige Basilika
aus roh behauenen Kalksteinen und Putzfel-
dern, deren Formen sich stilistisch an der
Frühgotik orientieren. Neben der durch drei
Spitzbögen geöffneten Vorhalle erhebt sich
an der Nordwestecke der massige, nach oben
zurückgestufte Turm. Die Ostseite wird durch
eine dreiseitige Apsis abgeschlossen, die
ebenso wie die Seitenschiffe durch Strebe-


Kleinertstraße 5, 7, 9, Wohnhäuser, 1931,
Architekt 0. Haesler


pfeiler gegliedert ist. Im Innern ist die Kirche
durch spitzbogige Arkaden auf Säulen und
Pfeilern im rheinischen Stützenwechsel unter-
teilt. Die Kreuzgewölbe, die die vier Joche
überspannten, wurden nach Kriegszerstörung
durch flache Decken ersetzt.
In dem östlich des die Kirche umgebenden
Wohngebietes gelegenen Industriegebiet ha-
ben sich am Lohweg zwei Gebäude aus der
Anfangszeit der Zementwerke erhalten. Zu
den ursprünglich auf dem Gebiet von Ander-
ten gelegenen Portland-Cementwerken Teu-
tonia gehört die ehemalige Fabrikhalle Loh-
weg 32, die das wohl letzte industrielle Zeug-
nis aus der Frühzeit der Zementfabriken dar-
stellt. Der um 1899 errichtete langgestreckte
Backsteinbau ist durch flache Lisenen in neun
Achsen gegliedert. Ein mit Zierformen gestal-
tetes Trauf- und Stockwerkgesims stellt die
horizontale Gliederung her. Besonders auf-
wendig ausgebildet wurde der zur Straße ge-
legene Hauptgiebel, dessen Mittelachse
durch den vorgezogenen Eingang und das ho-
he Treppenhausfenster betont wird. Spitzbo-
gige Blendbögen und Sternornamente
schmücken die Fassade. Das im Äußeren na-
hezu unveränderte Gebäude wird heute durch
die Werkskantine genutzt.
Etwas südlich der Fabrik wurde zeitgleich ein
größeres Wohngebäude für die Arbeiter des
Werkes erbaut (Lohweg 12-20). Der dreige-
schossige Backsteinbau besteht aus zwei
rechtwinklig zueinander gelegenen Gebäude-
teilen, deren Ecke durch einem wuchtigen
Rundturm mit Pyramiddach deutlich markiert
ist. Die siebenachsigen Flügel sind im Bereich
der drei Mittelachsen risalitartig vorgezogen
und von einem Treppengiebel mit blendfen-
sterartigen Putzflächen bekrönt. Zusammen
mit den auf dem rückwärtigen Hof gelegenen
Stallgebäuden bildet das Gebäude ein für
Hannover einmaliges und in seiner Gestal-
tung ungewöhnliches Beispiel eines werksei-
genen Arbeiterwohnungsbaus.
DIE ZEIT NACH DEM ERSTEN WELTKRIEG
Nachdem durch die Anlage des Mittellandka-
nals, von dem die Bogenbrücke im Zuge der
Hannoverschen Straße erwähnenswert ist,
und durch den Bau des Misburger Hafens
(1917) die weitere Industrieansiedlung geför-
dert wurde, entstanden die ersten Pläne für
die folgende Erschließung der Feldmark mit
Wohngebieten für die stark anwachsende Ar-
beiterschaft. Eine verstärkte Bautätigkeit setz-
te etwa ab 1923 ein, mit der vor allem die Ge-
biete nördlich und westlich des alten Dorfes
erschlossen wurden.
Von den insgesamt sehr einfachen und durch-
schnittlichen Bauten ist eine kleine Hausgrup-
pe, die im Rahmen der Genossenschaftssied-
lung „Heimfrieden“ erstellt wurde, als einma-
lig und besonders bedeutsam für den Einfami-
lienhausbau dieser Zeit herauszustellen. An
der Kleinertstraße (Nr. 3, 5, 7, 9) baute Otto
Haesler 1931 vier Häuser, die durch ihr Äuße-
res und die Grundrißgestaltung aus dem Rah-
men der übrigen Bebauung herausfalien. Es
handelt sich um zweigeschossige Putzbauten
mit Flachdächern, deren Baukörper sich aus
zwei ineinandergestellte Kuben zusammen-

Lohweg 32, Fabrikgebäude, um 1899


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