Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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schoßwohnungen von der Seitenfront (Aus-
nahme Werrastraße 20/22).
Im Jahre 1903 beginnt die Aufsiedlung der
Rheinstraße, an der erstmals in der Siedlung
Wohnungen für Angestellte der „Wolle“ ent-
stehen, die sogenannten „Meisterwohnun-
gen“. Der höhere Status dieser Gruppe drückt
sich auch deutlich durch großzügigere Grund-
risse und aufwendigere äußere Gestaltung in
der Architektur aus. Gebaut werden 1903 zu-
nächst die Eckgebäude Rheinstraße 2/3/4,
Emsstraße 14/16, Rheinstraße 6/8, Allerstra-
ße 13/15 und Rheinstraße 10/Allerstraße 14,
sowie 1904 die Reihenhäuser Rheinstraße
14,16, 20, 22. Es entstehen zweigeschossige
Backsteinbauten, die durch Putzflächen, teil-
weise Werksteineinfassungen der Fenster
und Zierfachwerk in den Dachausbauten ge-
stalterisch aufgelockert sind. Alle Einzelhäu-
ser sind als Einspänner konzipiert, die mit
Drei- bis Vierzimmerwohnungen mit Küche
und Loggien bzw. Wintergärten eine für die
Zeit gehobene Qualität in die Siedlung brin-
gen. Der gleiche Maßstab wird angewendet,
als 1914 die noch bestehenden Baulücken
dieser Häuserzeile durch Neubauten ergänzt
werden, die mit dunkelroten Klinkern verblen-

det sind und alle eine individuelle äußere Ge-
staltung besitzen. Halbrunde Erker, Ausluch-
ten und Dachausbauten sind die spezifischen
Merkmale der Gebäude. Die Grundrisse ent-
sprechen denen der älteren Nachbarbauten.
Nach Schließung der Lücken war die Rhein-
straße einschließlich der Kopfbauten Hildes-
heimer Straße 293/292 auf der Südseite voll-
ständig bebaut. Der Charakter der Straße, der
durch die lebhafte Fassadengestaltung und
die kleinen Vorgärten geprägt war, konnte bis
heute bewahrt werden.
Als abschließende Ergänzung des „Jam-
mers“ wurden 1925 die Gebäude Kastanien-
allee 2 und 4 errichtet, die schon deutlich die
Formensprache der zwanziger Jahre tragen,
sich aber doch in der Gestaltung den Nach-
bargebäuden der Hildesheimer Straße unter-
ordnen.
Der Untergang der „Dohrener Wolle“ zog
auch für den „Jammer“ den langsamen aber
stetigen Verfall nach sich. Der Abriß der ge-
samten Siedlung schien zum Ende der siebzi-
ger Jahre unabwendbar. Nur durch die Initiati-
ve und großes Engagement einiger Bürger
konnte die Siedlung über eine Privatisierung
erhalten werden. Heute sind die Modernisie-

rungsarbeiten weitgehend abgeschlossen.
Ein einmaliges historisches Dokument des Ar-
beitersiedlungshauses in Hannover, das die
Wohn- und Lebensbedingungen im Zeitalter
der Industrialisierung beispielhaft verdeut-
licht, konnte dadurch gerettet werden.
DIE NÖRDLICHE DORFERWEITERUNG
Nachdem mit der werkseigenen Arbeitersied-
lung im Bereich der Werrastraße bereits das
Dorf erweitert wurde, folgte zu Beginn der
neunziger Jahre des 19. Jh. eine weitere Aus-
dehnung im Norden an der Landwehrstraße,
der alten Hauptdurchgangsstraße. Auf der
westlichen Straßenseite entstanden zwischen
der Bernwardstraße und der Weststraße sie-
ben Wohngebäude, die vermutlich nach ein-
heitlicher Planung gleichzeitig erstellt wurden.
Eine Gruppe von Handwerkern hatte sich zu-
sammengefunden, um aus dem wachsenden
Wohnungsbedarf ihren Nutzen zu ziehen.
Den Bau ihrer Häuser, die sie im Erdgeschoß
selbst bewohnten, finanzierten sie durch Ver-
mietung des Obergeschosses und Dachge-
schosses an Arbeiterfamilien. Die Einheitlich-
keit der Gebäude in Gestaltung und Grundriß-


Allerstraße 2/4ff., Wohnhäuser, 1893

Emsstraße 6/8ff., Wohnhäuser

Rheinstraße 24, 22ff., Wohnhäuser Rheinstraße 10/Allerstraße 14,
Wohnhaus, 1903


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