Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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Schulgebäude, das 1900 als Ersatz für die
kleine Dorfschule im Kapellenweg errichtet
wurde (Grünaustraße 9,11,15,17,19).
Die Besiedelung der Badenstedter Straße öst-
lich des Dorfeingangs begann mit wenigen
Häusern auf der Nordseite der Straße. Zu den
ersten gehörte die „Gastwirtschaft bei Hein-
rich Zieseniss“ von 1872 (Badenstedter Stra-
ße 194), ein Komplex auf dem Eckgrundstück
zur Ziesenißstraße, der um 1900 vergrößert
und modernisiert wurde. Das gegenüberste-
hende Eckhaus (Nr. 196) entstand in den
neunziger Jahren etwa gleichzeitig mit einer
Reihe 21/2-geschossiger Mietwohnhäuser,
z.T. mit Ladeneinbauten, die die südliche
Straßenfront bilden. Bis auf Nr. 209 handelt es
sich um zweispännige Sechs-Fenster-Häuser
mit vierachsigem Zwerchhaus. Die Erschlie-
ßung erfolgt über Bauwich vom Hof. Bis auf
zwei Häuser, die sich durch renaissancisti-
schen Putzdekor hervortun (Nr. 205,213), zei-
gen die Gebäude gleichmäßig gotisierende
Ziegelverblendfassaden. Die Gestaltung der
drei erhaltenen Eckhäuser (Nr. 195,197,213)
läßt vermuten, daß hier bereits städtebauliche
Gesichtspunkte eine Rolle spielten. Über-

haupt deuten die gleichmäßige Parzellierung,
die verbindliche Fluchtlinie, der einheitliche
Gebäude- und Fassadentyp auf stadtplaneri-
schen Einfluß, der dem Bereich städtischen
Charakter gab.
Badenstedts Einwohnerzahlen waren um
1900 derart angewachsen, daß die Betreuung
der Gemeindeglieder von St. Martin aus kaum
noch möglich war. 1912 wurde ein Hilfsgeist-
licher nach Badenstedt abgeordnet. Krieg und
Inflation verzögerten die Bildung einer selb-
ständigen Gemeinde. 1926 wurde die Paul-
Gerhardt-Gemeinde gegründet, die an der Ei-
chenfeldtstraße ein Gemeindezentrum (Ei-
chenfeldtstraße 10) erhielt. Es steht südlich
des ersten Badenstedter Friedhofs aus der 2.
Hälfte des 19. Jh. Ein jüngerer Friedhof von et-
wa 1912 findet sich an der nordwestlichen Pe-
ripherie des bebauten Areals des Stadtteils
Badenstedt (Im Born 19).

39 BORNUM

Die heutigen Grenzen des Stadtteils entspre-
chen nicht den historischen Begrenzungen
der Feldmark des Dorfes Bornum, sondern
richten sich in weiten Abschnitten an neuen
„Merkzeichen“ aus: Im Norden und Westen
sind es der Gleiskörper des Bahnhofs Fischer-
hof, der Bahndamm der Güterumgehungs-
bahn von 1909 und der Damm der Altenbeke-
ner Bahn von 1872 (vgl. 33-35 Linden). Im
Süden und Osten begrenzen die Bückeburger
Allee und die Straße Am Tönniesberg den
Stadtteil.
Das Dorf Bornum, aus dem der heutige Stadt-
teil hervorging, lag als eine mittelalterliche
Gründung westlich des Tönniesberges. Wie
Badenstedt wurde der Ort zu Beginn des 14.
Jh. im Lehnsregisterdes Bischofs von Minden
erwähnt. Er war nach St. Martin/Linden einge-
pfarrt und hatte wie Badenstedt und Daven-
stedt eine Fachwerkkapelle (in jüngerer Zeit
abgerissen). Seit der Gründung 1926 gehört
Bornum zur Paul-Gerhardt-Gemeinde in Ba-
denstedt.
Ende des 18. Jh. hatte es die Form eines klei-
nen Haufendorfes aus vier Meier- und acht

Grünaustraße 7, 9, Wohnhäuser, um 1880


Im Dorfe 9, Wohnhaus, 1879


Badenstedter Straße 195, Wohn- und
Geschäftshaus, um 1895


An der Feldmark 5, Wohnhaus, um 1890


Köterstellen westlich der Straße An der Feld-
mark. Als Mitte des 19. Jh. die Feldmark ver-
koppelt wurde, lebten etwa 250 Menschen im
Dorf. 1885 waren es 289. Bis 1895 schnellte
die Einwohnerzahl auf 830 hinauf; die Zunah-
me beruhte auf der Ansiedlung von Arbeitern
der Lindener Industrie, vor allem auf dem Bau
der Werkskolonie „Körtingsdorf“ südlich der
Badenstedter Straße (heute Badenstedt), die
fast vollständig verschwunden ist. 1909 er-
folgte die Eingemeindung nach Linden. Zu
dieser Zeit bestand der Ort noch aus funktio-
nierenden Bauernhöfen und einigen Wohn-
quartieren für Industriearbeiter. Seitdem wur-
de die Struktur jedoch vollständig verändert:
Nach dem Zweiten Weltkrieg ging der östliche
Teil der Feldmark in gewerbliche Nutzung
über, einen großen Teil verschlangen die Stra-
ßenerweiterungen; ein weiterer Teil erhielt
Wohnbebauung, die auch den ehemaligen
Dorfkern vereinnahmte. Der heute zu Baden-
stedt gehörende Rest der Dorfmark wurde be-
siedelt bzw. Kleingartenkolonien gewidmet;
hier findet sich als bescheidenes Relikt der
historische Topographie das Bornumer Holz.
Zwei Gebäude des späten 19. Jh. im alten,
kaum noch erkennbaren Dorfkern dürfen als
Dokumente der bäuerlichen Vergangenheit
gewertet werden. Sie zeigen die nach der Ab-
lösung und Verkoppelung begonnene „mo-
derne“ Landwirtschaft an. Das Wohnhaus Im
Dorfe 9 von 1879 gehörte zu einer größeren
Hofstelle. Es weist auf die im 19. Jh. in der
ländlichen Architektur entwickelte Funktions-
trennung hin, die städtische Vorbilder und die
Einteilung auf Gutshöfen im kleinen kopierte.
Entsprechende Einflüsse weist das repräsen-
tative Wohnhaus einer großen Hofstelle (An
der Feldmark 5) von etwa 1890 auf.

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