Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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und Zwischenbauten unterstreichen den Hei-
matstilcharakter der Wohnanlage. Zu den mit
Klein- und Kleinstwohnungen ausgestatteten
Häusern gehören rückwärtige größere Gärten
(ca. 400 m2) und jeweils ein Stallgebäude. Die
bis auf neue Fenstereinbauten unveränderte
Siedlung gehört zu den wenigen in Hannover
ausgeführten Anlagen des Kleinwohnungs-
baus aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Südlich der Straße Am Grünen Hagen, die das
Baugebiet der zwanziger Jahre begrenzt, war
im Jahre 1907 der heutige Stadtfriedhof Rick-
lingen als Hauptfriedhof Linden eingeweiht
worden. Neben einigen interessanten Grab-
denkmälern ist an Bauten insbesondere die
Kapelle zu nennen, die in der Achse der Ein-
gangsallee liegt. Der weiß gestrichene Putz-
bau ist an der schmalen Giebelseite, die
gleichzeitig die Hauptfassade ist, durch gefug-
te Lisenen gegliedert und von einem mittigen
Eingangsvorbau betont. Ein hohes Mansard-
dach mit einem Dachreiter schließt den Bau
ab. Die Kapelle entstand vermutlich um 1912.
In den dreißiger und fünfziger Jahren erfolgte
eine fast vollständige Bebauung des Stadtteils

westlich der Göttinger Straße. Hier entstand
nahezu ausschließlich Wohnbebauung, größ-
tenteils als Einfamilienhäuser.
Im Bereich zwischen Göttinger Chaussee und
Frankfurter Allee hatten sich bereits seit dem
Ende des 19. Jh. einige kleinere Fabriken und
Gewerbebetriebe angesiedelt. Unter ande-
rem errichtete die Firma Meyer für ihre che-
misch-technische Fabrik (Fettherstellung) an
der Göttinger Chaussee 109 im Jahre 1904 ei-
nen neuen Fabrikbau, der heute den einzigen
Industriebau mit Formen des Jugendstils in
Hannover darstellt. Der zweistöckige, längs-
rechteckige Bau ist auf der östlichen Haupt-
fassade besonders aufwendig gestaltet. Bei
der rasterförmigen vertikalen Gliederung sind
jeweils drei Fensterachsen zusammengefaßt
und durch Pilaster mit ornamentalem Kapitell-
schmuck voneinander getrennt. Der Gebäu-
demittelteil ist durch ein Zwerchhaus mit ge-
knicktem Schweifgiebel überhöht. Der vorge-
lagerte Fahrstuhlturm wurde nachträglich an-
gefügt. Die gesproßten kleinteiligen Fenster
geben dem Gebäude ein für Fabrikarchitektu-
ren ungewöhnliches filigranes Aussehen.

42 MÜHLENBERG

Der Stadtteil liegt südwestlich des Tönnies-
bergkreisel zwischen Hamelner- und Bücke-
burger Chausee, grenzt im Süden an den
Stadtteil Wettbergen und im Westen an die
Gemarkung vom Empelde (Landkreis Hanno-
ver).
Die Idee einer Siedlung (Gartenstadt) auf grü-
ner Wiese im Südwesten der Landeshaupt-
stadt stammt aus den fünfziger Jahren dieses
Jahrhunderts, wurde jedoch um 1960 zugun-
sten der Planung einer „Trabantenstadt“
(30000 Einwohner auf ca. 200 ha Fläche) mit
den notwendigen Infrastruktureinrichtungen
(Anbindung an Hauptverkehrsstraßen, U-
Bahn, Buslinien; Schule, Post usw.) aufgege-
ben. Die mehrfach modifizierte Konzeption,
etwa 1966 begonnen, sieht eine Mischung
von kleinteiliger Bebauung und größeren
Komplexen (sozialer und privater Wohnungs-
bau) vor, wobei eine Zentrumsbildung ver-
sucht wurde und mächtige Baukörper Akzente
setzen.

Stadtfriedhof Ricklingen, Kapelle, um 1912 An der Kirche 13, Scheune, 1839


An der Kirche 23, 25, Pfarrhaus und ehern. Pfarrscheune


43 WETTBERGEN

Wettbergen grenzt als südöstlicher Stadtteil
Hannovers an Oberricklingen und Mühlen-
berg (In der Rehre, Bergfeldstraße, Ossietzky-
ring) und an den Landkreis Hannover. Die
Grenze folgt hier dem Verlauf der Ihme im
Osten und führt im Westen in unregelmäßiger
Linie durch die Feldmark. Das ehemalige Dorf
entwickelte sich in topographisch günstiger
Lage am Südhang des Mühlenberges, an des-
sen Fuß der Hirtenbach entlang fließt. Wett-
bergen wurde erstmals zwischen 1056 und
1080 in einer Urkunde des Bischofs von Min-
den erwähnt.
Der älteste Dorfbereich gruppierte sich ring-
förmig um die Kirche und das nicht mehr vor-
handene Herrenhaus („Steinernes Haus“).
Die Struktur dieses Dorfkerns ist noch heute
erhalten: Von einer trompetenförmigen Stra-
ßenerweiterung (An der Kirche) führen kleine-
re Stichstraßen im Osten und Süden zu den
einzelnen Hofanlagen. Durch Neubauten der
jüngeren Zeit im Osten des Ortes ist die ehe-
malige zentrale Lage von Kirche, Pfarrhaus,
Herrenhaus etwas verlorengegangen. Auf-
grund der hier noch vorhandenen historischen
Bausubstanz ist aber auch heute noch der alte
Mittelpunkt des Ortes erlebbar.
Die jetzige Kapelle, ein Wiederaufbau eines
1580 zerstörten älteren Gotteshauses, liegt
etwas abseits an einem schmalen Seitenweg.
Der starke Geländeabfall an dieser Stelle wur-
de durch eine von einer Böschungsmauer be-
grenzten Aufschüttung ausgeglichen. Die ost-
west-gerichtete Kapelle ist ein einfacher ver-
putzter Bruchsteinbau mit Eckquaderung und
starken, geschrägten Stützpfeilern. Der kleine
Saalbau ist im Osten dreiseitig geschlossen,
im Westen bekrönt ein achteckiger Dachreiter
mit geschweifter Haube den First. Über der
Westtür weisen zwei Wappensteine mit den
Datierungen 1697 und 1702 vermutlich auf die
Zeit der Wiedererrichtung hin.

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