Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

Page: 165
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bei spielt der größere Reichtum der Bauern
und eine Orientierung an städtische Architek-
turvorbilder eine wichtige Rolle. Das Wohn-
haus der ehemaligen Hofanlage Stammestra-
ße 6, das 1905 durch den Gründer der Kaiser-
brauerei, Friedrich Schnabel erbaut wurde,
zeigt auch in Ricklingen Ansätze dieser Ent-
wicklung. Der Bau ist deutlich an städtischer
Villenarchitektur orientiert. Das durch Risalite,
Erker und Zwerchhäuser gegliederte Gebäu-
de aus roten Verblendziegeln ist durch Sand-
steindekor an Fenstern, Gesimsen, Traufe
und Ortgängen mit historisierenden Elemen-
ten gestaltet. Die ehemaligen Wirtschaftsge-
bäude sind dagegen als reine Zweckbauten in
Backstein errichtet.
ORTSERWEITERUNG IM 19. JH.
Bis etwa zur Mitte des 19. Jh. hatte sich das
Dorf nicht über die Grenzen des 18. Jh. hin-
ausentwickelt. Einige, heute nicht mehr vor-
handene Ziegeleien an der Stammestraße
und Pfarrstraße waren die ersten außerhalb
des Ortes gelegenen Bauten.
Friedhof

1856 wurde an der Nordgrenze des Ricklinger
Holzes (heute An der Bauernwiese) der Mi-
chaelisfriedhof eröffnet, nachdem das Gelän-
de bei der Verkoppelung 1851/53 hierfür be-
reits ausgesondert worden war. Bis zu dieser
Zeit fanden Beerdigungen auf dem Friedhof in
Linden statt. 1908 errichtete Hermann
Schaedtler die heutige Kapelle auf dem Fried-
hof, die von den Ricklinger Bürgern Stamme
und Knust gestiftet wurde. Mit dem Friedhofs-
eingang ist die Kapelle über eine beschnittene
Lindenallee verbunden. Das Hauptportal liegt
auf der Ostseite. Die Kapelle ist ein verputzter
Massivbau mit Sandsteindekor auf kreuzför-
migem Grundriß. Von dem quadratischen,
überhöhten Mittelbau, der Halle, führt eine
Treppe in den apsisähnlichen Anbau der ei-
gentlichen Kapelle. Zwei kleine seitliche Er-
weiterungen des Hauptbaus nehmen die Sa-
kristei (Süden) und der Leichenraum (Norden)
auf. Unterhalb des Kapellenraumes befindet
sich mit separatem Zugang von außen die
Gruft der Stifterfamilien. Die Belichtung der
Kapelle erfolgt über hochgelegene, gekuppel-
te Bogenfenster, die durch romanische Säul-
chen geteilt sind. Ein darüberliegender Fries
mit Würfelmuster bildet den Anschluß zum Py-
ramiddach. Besonders hinzuweisen sei ne-
ben der romanisierenden Gesamtgestaltung
auf die Detailausbildung des Hauptportals und
der Seitenportale.
In räumlichem Zusammenhang mit dem
Friedhof wurde diesem gegenüber in einem
kleinen Waldstück eine Gedenkstätte für die
Opfer der großen Kriege (1870/71, 1914/18,
1939/45) mit drei Mahnmalen eingerichtet.
Kirche, Pfarrhaus, Schule
Bis Ricklingen im Jahr 1877 eine eigene Kir-
chengemeinde wurde, gehörte es zur St. Mar-
tins-Gemeinde in Linden. Die wenigen Gottes-
dienste, die der Lindener Pastor in Ricklingen
abhielt, fanden in der alten Kapelle statt, wäh-
rend zu den übrigen Zeiten die Ricklinger Bür-
ger nach Linden gingen.

Der neue Kirchenbau, der auf einem ge-
schenkten Grundstück der Lindener Familie
von Alten an der Stammestraße 55 errichtet
wurde, konnte jedoch erst elf Jahre nach der
Gemeindegründung im September 1888 ein-
geweiht werden. Die von dem Architekten
Theodor Knust gebaute fünfachsige Back-
steinsaalkirche wird auf der zur Straße gele-
genen Ostseite durch den Turm mit einem ho-
hen Pyramiddach bestimmt. Die Westseite
schließt ein eingezogener 5/8-Chor mit ange-
lagerter Sakristei ab. Das Hauptportal liegt im
Turm, der im Erdgeschoß eine kleine Vorhalle
umschließt. Seitliche Treppen führen von hier
zur Empore. Die äußere Gestaltung der Mi-
chaeliskirche erfolgte in schlichten gotisieren-
den Formen. Obwohl der Kirchenbau um eini-
ge Meter von der Straße zurückgesetzt wurde,
erzielt der weithin sichtbare hohe Turm doch
eine besondere städtebauliche Wirkung als
Merkzeichen und Orientierungspunkt im Ver-
lauf der Stammestraße.
Das nördlich benachbarte Pfarrhaus (Nr. 57),
an der Ecke zur Pfarrstraße gelegen, wurde
1898 erbaut. In Material (Backstein) und For-
mensprache lehnt es sich an den Kirchbau an.
Der schlichte kubische Baukörper wird an den

Eingängen durch schmale Risalite gegliedert.
Ein Walmdach schließt das Gebäude ab.
Auf der Südseite der Kirche entstand zeit-
gleich mit dieser (1887) ein neuer Schulbau in
Ricklingen (Nr. 53), nachdem seit 1850 der
Unterricht in einem ehemaligen Hof an der
Klußmannstraße abgehalten wurde.
An den zweigeschossigen siebenachsigen
Hauptbau schließt sich im Westen ein dreige-
schossiger Kopfbau an, der 1902 als Erweite-
rung gebaut wurde. Die Mittelachse des
Hauptteiles ist auf der Vorder- und Rückseite
betont durch die leicht vorgezogene, risalitar-
tig wirkende Treppenhausachse. Wie die Kir-
che und das Pfarrhaus ist der Backsteinbau
mit gotisierendem Dekor versehen.
Kirche, Schule und das jüngere Pfarrhaus
sind als Ausgangspunkt und Zentrum der wei-
teren baulichen Entwicklung des Ortes anzu-
sehen, die sich seit Beginn des 20. Jh. an der
Stammestraße, Pfarrstraße und am Ricklinger
Stadtweg vollzog. Hier entstand überwiegend
Wohnungsbau für die Arbeiterschaft, die in
den, in engem Zusammenhang mit der Linde-
ner Industrie gegründeten neuen Fabriken be-
schäftigt waren.

Stammestraße 53, 59f 57, Schule, Michaelis-Kirche, Pfarrhaus


Michaelis-Friedhof, Kapelle, 1908, Am Tönniesberg 1, Villa, 1923
Architekt H. Schaedtler


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