Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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len bzw. Pilastern mit korinthischen Kapitellen
besonders hervorgehoben.
Nördlich an das Gutsgelände schließt sich die
Wülfeler Brauerei an, die sich aus der ehema-
ligen Gutsbrauerei entwickelte. 1906 kaufte
ein Zusammenschluß hannoverscher Gast-
wirte dem Gutsbesitzer Fontaine die alte
Brauerei ab, die als Lagerbier-Brauerei-Wülfel
und erste Genossenschaftsbrauerei in Han-
nover weitergeführt wurde. Bei einem größe-
ren Umbau im Jahre 1926, der von den Archi-
tekten Karl Fuhrmann und Karl Börgemann
durchgeführt wurde, entstanden die Bauten
und der Eingangsbereich an der Hildesheimer
Straße 420. An den mittig gelegenen, an ein
Burgtor erinnernden Zugang schließen sich
beiderseits langgestreckte mauerartige Ge-
bäudetrakte an, die an der Ecke zur Wilken-
burger Straße und an der südlichen Grund-
stücksgrenze durch drei- bzw. zweigeschossi-
ge Verwaltungsbauten flankiert werden. Inter-
essant ist an den stilistisch dem Neoklassizis-
mus nahestehenden Bauten das in Hannover
seltene Material Tuffstein, das hier in Groß-
quadern verbaut den wehrhaften Eindruck der
Architektur unterstützt.
Nachdem Wülfel 1853 durch den Bau der
Bahnlinie Hannover-Kassel einen Eisen-
bahnanschluß erhielt, war damit eine der
Grundvoraussetzungen für die in den folgen-
den Jahrzehnten einsetzende Industrialisie-
rung geschaffen worden. Das ehemalige Dorf
entwickelte sich nach und nach zum Industrie-
vorort Hannovers. Die bauliche Entwicklung
vollzog sich bei den Fabrikationsanlagen ins-
besondere in dem Bereich zwischen Dorf und
Bahnlinie, beim Wohnungsbau für die Arbeiter
der Werke zwischen Wiehbergstraße und Hil-
desheimer Straße. Gleichzeitig begann auch
im alten Dorfbereich ein Strukturwandel, in-
dem die bäuerlichen Bauten immer mehr von
Wohn-, Geschäfts- und Gewerbebauten ver-
drängt wurden. 1933 waren in Wülfel keine
landwirtschaftlichen Betriebe mehr vorhan-
den.
Bedeutende Industriebauten aus dem ersten
Abschnitt der Entwicklung sind nur noch in
fragmentarischen Resten vorhanden. Erhal-
ten blieben jedoch einige interessante Fabri-
kantenvillen und gute Beispiele aus dem Ar-
beiterwohnungsbau.
In der Straße Am Brabrinke 2 entstand 1898 in
unmittelbarem Bezug zur Fabrik die Direkto-
renvilla, ein repräsentatives Gebäude im
Landhausstil. Der Putzbau ist durch risalitarti-
ge Anbauten differenziert gestaltet und durch
Details wie Zierfachwerk und Fensterläden
aufgelockert.
Im Gegensatz zu diesem Haus relativ weit von
den Fabriken entfernt entstand an der Wieh-
bergstraße 56 eine Villa, deren Schauseite mit
spätklassizistisch-renaissancistischem Dekor
gestaltet wurde. Ein mittiges Zwerchhaus mit
flachem Giebel betont die strenge Fassade
des eingeschossigen Putzbaus, der um 1895
entstand. Zur Rückseite bietet sich der unver-
baute Blick über die weite Leinemasch.
Nördlich benachbart liegt in einem großen
Parkgelände die 1904 errichtete ehemalige
Villa des Fabrikdirektors der Nietenfabrik. Ei-
ne hohe Mauer grenzt den Park und den zu-
rückgelegenen Bau von der Straße ab. Der
durch Risalite, Ausluchten, Turm und Terras-

31 WÜLFEL

Die Stadtteilgrenze von Wülfel verläuft im
Osten entlang der Bahnlinie Hannover-Kas-
sel, im Süden von der Straße Am Brabrinke
über das Grundstück der Siemens AG und die
Hildesheimer Straße, in unregelmäßiger Form
durch die Leinemasch und in östlicher Rich-
tung am Wiehegraben entlang zur Straße An
den Maschwiesen. Die Bothmerstraße und
Garkenburgstraße bilden die nördliche Be-
grenzung.
Voraussetzung für die Entstehung des 1234
erstmals erwähnten Dorfes Wülfel dürfte
ebenso wie beim Nachbarort Döhren (vgl.
dort) die günstige Lage am Geestrücken öst-
lich der Leine gewesen sein. Bis zur Mitte des
19. Jh. hatte sich das aufgrund schlechter Bo-
denverhältnisse relativ arme Dorf entlang der
Hildesheimer Straße und Dorfstraße etwa von
der Wiehbergstraße im Norden bis zum Ritter-
gut im Süden entwickelt. Heute sind von die-
ser dörflichen Vergangenheit Wülfels außer
dem Wegesystem nur sehr unbedeutende
bauliche Reste überkommen. Besondere Er-
wähnung verdient lediglich der heute als
Grünfläche genutzte alte Kirchhof an der Hil-

desheimer Straße 367. Einige wenige Grab-
steine aus der zweiten Hälfte des 19. Jh., von
denen ein Stein in Form eines Baumstammes
als Kuriosum der hannoverschen Friedhofs-
kunst anzusehen ist, stellen noch Erinne-
rungswert dar. Das in gußeiserner Konstruk-
tion Ende des 19. Jh. am Rande des Friedhofs
errichtete Pissoir ist neben dem Hainhölzer
(vgl. Teil 1, 13 Hainholz) das letzte erhaltene
in Hannover.
Eine herausragende Stellung im Dorf hatte so-
wohl aus sozialer als auch aus architektoni-
scher Sicht das Herrenhaus des Ritterguts,
das sich 1671 aus einem ehemaligen Vollmei-
erhof entwickelte. Das heutige Gutshaus an
der Hildesheimer Straße 430 wurde im Kern
um die Mitte des 18. Jh. errichtet und 1852
aufgestockt und umgebaut. Das Gebäude
liegt in einem größeren Park von der Straße
zurückgesetzt und ist über eine kreisförmige
Zufahrt erreichbar. Ein schöner eiserner Zaun
mit zweiflügeligem Tor begrenzt den Park zur
Straße. Das Haus ist ein zweigeschossiger
Putzbau mit Walmdach, dessen breite sieben-
achsige Front durch flache Lisenen in drei Ab-
schnitte gegliedert ist. Der mittige Eingang ist
durch eine eingezogene Vorhalle hinter Säu-

Hildesheimer Straße 430, Rittergut Wülfel, Mitte 18. Jh./1852

Hildesheimer Straße 420, Brauerei Wülfel, Eingangsbereich, 1926,
Architekten K. Fuhrmann / K. Börgemann

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