Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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LINDENER NORDSTADT

Der Platz Am Küchengarten bildet den histori-
schen Eingang nach Linden-Nord, dem jüng-
sten der Lindener Stadtteile. Das von Süden
(Fössestraße) zunächst stärker, dann ab Lim-
merstraße fast unmerklich zur Ihme/Leine ab-
fallende Gelände der nördlichen Dorfmark be-
fand sich bis ins 19. Jh. in landwirtschaftlicher
Nutzung. Es umfaßte das Kötnerholz. Zwei
Feldwege erschlossen das Gebiet (Kötner-
holzweg und Fössestraße), durch das außer-
dem in nordwestlicher Richtung die Chaussee
nach Wunstorf führte (Limmerstraße). Im Zu-
ge der Verkoppelung (1835) waren diese alten
Wege begradigt und die z.T. langen, streifen-
förmigen Äcker, die überwiegend rechtwinklig
zur Limmerstraße lagen, eingeteilt worden.
In den vierziger Jahren leiteten Fabrikgrün-
dungen an der Ihme die bauliche Entwicklung
in dem Bereich ein. Als Mitte des 19. Jh. auch
die Ansiedlung von Arbeitern anstand, legte
G.L.F. Laves einen anspruchsvollen orna-
mental-geometrischen Straßenplan vor, in
dem das historische Wegenetz (Limmer-,
Fössestraße, Kötnerholzweg) mit dem cha-
rakteristischen Geländedreieck das Grund-
muster abgab. Orientiert auf die Herrschafts-
architektur in Herrenhausen (Schloß) und in
der Nordstadt (Weifenschloß und Georgspa-
lais) sollten Alleen und breite Diagonalverbin-
dungen auf Sternplätzen Zusammentreffen.
Die Anlage zeichnete eine gewisse Großzü-
gigkeit aus, sie widersprachen jedoch dem
vorgegebenen „Ackerstreifen“. Zu ihrer Reali-
sierung hätte es einer übergreifenden, weit-
sichtigen Planung bedurft, zu der das Dorf Lin-
den selbstverständlich nicht in der Lage war.
Also ließen sich die stadtplanerischen Vorstel-
lungen gegen den Willen der spekulierenden
Landbesitzer nicht durchsetzen. Vielmehr be-
auftragen die Grundstückseigner Landver-
messer mit der Ausarbeitung nüchterner Par-
zellierungspläne, die zugunsten einer renta-
blen Nutzung des Baulandes lediglich recht-
winklig von der Limmerstraße ausgehende
schmale, sackgassenähnliche Erschlie-
ßungswege vorsahen.
Ganz so simpel ging es dann doch nicht. Mit
der Limmerstraße als Hauptachse entwickelte
sich bis in die neunziger Jahre (s.u.) ein Ra-
ster aus parallel und rechtwinklig zu diesem
„Rückgrat“ verlaufenden Straßen, in dem we-
nigstens einige der Laves’schen Ideen (Ver-
längerung des Kötnerholzwegs, Viktoriastra-
ße, als Relikt die Ungerstraße usw.) eingin-
gen. Lediglich der 1896 geplante Bereich
nördlich und östlich des Bethlehemplatzes
und das erst in den dreißiger Jahren bebaute
südlich anschließende Quartier (s.u.) weichen
von diesem System ab.
ENTWICKLUNG ZWISCHEN 1850
UND 1890
Bis etwa 1870 konzentrierten sich im Gebiet
nördlich der Limmerstraße Industrieanlagen,
zwischen Limmer- und Fössestraße entstan-
den dagegen vorwiegend Arbeiterhäuser.
Während die alten Fabriken bis auf wenige
Ausnahmen (s.u. Wilhelm-Bluhm-Straße 12)
und die Arbeiterkolonien der Hannoverschen
Baumwollspinnerei und Weberei von 1872

(Fanny-/Mathildenstraße) und der Mechani-
schen Weberei von 1872-75) (Velvet-/Pfarr-
landstraße) insgesamt abgeräumt wurden,
haben sich einige der ersten Proletarierhäu-
ser von 1854-1865 erhalten - bedeutende
Dokumente der Sozialgeschichte des 19. Jh.
FORTUNA-, PAVILLON- UND
VIKTORIASTRASSE
Die kleinen ein- (z.B. Viktoriastraße 3, 11),
meist jedoch wohl zweigeschossigen, häufig
unterkellerten (Ausnahme Viktoriastraße 3)
Häuser entstanden ab 1853/54 an der Fortu-
na-, Viktoria- und am Nordabschnitt der Pavil-
lonstraße, die zunächst nur bis zur Viktoria-
straße durchlief. Die Anlage dieser ersten
„Wohnstraßen“ in Linden-Nord erfolgte auf-
grund der Initiative der Grundbesitzer Nie-
meyer und Haspelmath - dieser hatte auch in
Linden-Süd Interessen (vgl. z.B. Haspelmath-
straße).
Nach etwa zehn Jahren befanden sich auf den
Grundstücken straßenseitig meist mit Bau-
wich in einer Flucht aufgereiht die Wohnhäu-
ser und dahinter ein Hof mit Kleintierställen
und Aborten.

Die Häuser mit einer Wohnungsgröße zwi-
schen 20 und 45 qm mußten sich zwei bis vier
Familien und zusätzliche Untermieter teilen;
die Gebäude waren überbelegt und selbstver-
ständlich ohne Komfort (kein Frischwasser,
keine Kanalisation, nicht abgeschlossene
Wohnungen), doch entsprachen die Wohnbe-
dingungen dem neuesten Standard im Arbei-
terwohnungsbau und waren sicher besser als
die Situation in weiten Bereichen der hanno-
verschen Altstadt oder im Dorf Linden. Sehr
bald wurde dieses neue Wohngebiet mit Ein-
kaufsmöglichkeiten versorgt; in manchen Ge-
bäuden finden sich alte kleine Ladeneinbau-
ten bzw. Reste davon, die möglicherweise ur-
sprünglich sind (z.B. Viktoriastraße 20, 30,
Fortunastraße 2).
Bei diesen Gebäuden ist der Grundriß im Erd-
geschoß verändert; ansonsten handelt es sich
um zwei Grundrißtypen. Zum einen (Viktoria-
straße 3, 8, 12, 13, 16, 31, Pavillonstraße 4)
sind es meist fünfachsige Mittelflurhäuser mit
mittiger Erschließung vorn über eine eingezo-
gene Treppe und mit schmalerem Hofaus-
gang. Im Flur, an dem sich symmetrisch die
Zimmer aufreihen (je Wohnung eines zur Stra-
ße, eines zum Bauwich und kleine Kammer

Linden um 1835 (Umzeichnung Buschmann nach alten Plänen)


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