Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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begleitende Mauern und auf unregelmäßig
geschnittenen Hofgrundstücken die histori-
schen Gebäude.
Das älteste erhaltene Gebäude in Davenstedt
ist die kleine Fachwerkkapelle. Charakteri-
stisch für dies bescheidene Gotteshaus sind
der einfache rechteckige Grundriß und Natur-
steinsockel, die symmetrische Konstruktion,
das Satteldach, die nach Norden gerichteten
Eingangsseite mit mittiger originaler Holztür
und vorkragendem Dachreiter mit glockenför-
miger Haube. Ehemals stand die Kapelle in
der Mitte des Dorfes; heute bildet sie den
westlichen Auftakt für den historisch gepräg-
ten Bereich. Östlich schließen sich drei ehe-
malige Hofanlagen an: Altes Dorf 17, ein 1830
datiertes Vierständergebäude mit zweistöckig
abgezimmertem Wohnteil; Altes Dorf 7, ein
Hof mit Wirtschaftsgebäuden und angebau-
tem Wohnhaus von 1857, dessen freistehen-
de Scheune die Wegkrümmung beherrscht.
Zusammen mit den gegenüberliegenden Bau-
ten (1830 und später), Altes Dorf 4, faßt diese
Anlage den südlichen „Dorfeingang“.
Den historischen Dorfkern vervollständigen
zwei weitere ehemalige Gehöfte nördlich und
weiter südlich des Weges: Altes Dorf 12, ver-
mutlich das Leibzuchthaus einer größeren
Hofstelle, hat die originale Form von 1801
ziemlich gut bewahrt, während das Vierstän-
derwirtschaftsgebäude von 1791 (Davensted-
ter Straße 218) in den Jahren bis 1880 mehr-
mals vergrößert wurde. Heute zählt diese ehe-
malige Hofstelle zur Davenstedter Straße, die
in diesem Abschnitt erst mit der Verkoppelung
zu Mitte des 19. Jh. entstand; die ursprüngli-
che Hofzufahrt von Norden ist noch erkenn-
bar. Insgesamt mußten alle bäuerlichen Ge-
bäude - z.T. aufgrund betrieblicher Erweite-
rungen im 19. Jh., später wegen des Verlustes
der landwirtschaftlichen Nutzung - mehr oder
weniger starke Veränderungen hinnehmen;
sie dokumentieren jedoch immer noch die Ei-
genart des bäuerlichen Wohn-Wirtschaftsge-
bäudes und die Entwicklung der Fachwerk-
konstruktion vom Ende des 18. Jh. bis 1830.
Um 1900 entstanden im Norden des Stadtteils
an dem Weg von Ummer nach Velber - heute
In der Steinbreite - und an der von der Haren-
berger Straße ansteigenden Erhardstraße
einige Betriebe, die möglicherweise mit den
Kalksteinbrüchen und der Asphaltgewinnung
in Ahlem zusammenhingen; außerdem errich-
tete man einige Wohnhäuser. Gleichzeitig mit
diesem ersten Siedlungsversuch in dem Be-
reich baute man auf der Anhöhe ein einfaches
zweigeschossiges Ausflugslokal mit einge-
schossigem Saalbau, das durch den auffälli-
gen Eingangsvorbau mit Turm den besonde-
ren Akzent erhielt (In der Steinbreite 38).

Altes Dorf 27, St.-Johannis-Kapelle, 1790

Die im Westen und Süden durch die Feldmark
verlaufenden Grenzlinien des Stadtteils dek-
ken sich mit den alten Dorfmarkgrenzen; sie
bilden gleichzeitig die stadthannoversche
Grenze zum Landkreis. Im Norden folgt die
Grenze dem Fösselauf und der Badenstedter
Straße. Im Osten führt sie entlang der Straße
Am Ihlpohl, der Güterumgehungsbahn und
der Altenbekener Bahn; sie wurde in diesem

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Der Stadtteil Davenstedt umfaßt heute das
Gebiet zwischen Harenberger Straße (Nor-
den), Fösse (Süden), Güterumgehungsbahn
(Osten) und der stadthannoverschen Grenze
gegen Velber (Westen). Er entspricht damit
nur in etwa der historischen Feldmark des
Dorfes, Änderungen brachten z.B. der Bau
der Güterumgehungsbahn 1909.
Das genaue Alter der in einer Stiftsurkunde
des Michaelisklosters in Hildesheim aus dem
Jahre 1022 erwähnten Ansiedlung ist unbe-
kannt. Seit dem Ende des 13. Jh. war sie nach
Limmer eingepfarrt. Im Dorf stand allerdings
wohl schon vor der Reformation eine Bruch-
steinkapelle, die 1790 durch den heutigen Bau
ersetzt wurde. Spätestens seit 1795 gab es in
Davenstedt eine Küsterschule. Zu dieser Zeit
zählte der Ort neun Meier- und fünf Köter-
stellen.
1909 erfolgte die Eingemeindung nach Lin-
den. Wenngleich seit 1852 die Saline Neuhall
(Gebr. Niemeyer, Linden) nahe der Fösse in
der südöstlichen Feldmark produzierte, hatte
Davenstedt bis zu dieser Zeit - anders als

Altes Dorf 4, Wohnwirtschaftsgebäude, 1830

z.B. Limmer und Badenstedt - seine dörfliche
Struktur bewahrt, was auch aus den Einwoh-
nerzahlen ersichtlich ist (1871: 224, 1880:
217, 1890: 193, 1900: 259, 1910: 359). Erst
als „Groß-Linden“ 1920 in Hannover aufging,
erfolgte in den zwanziger und dreißiger Jahren
die Aufsiedlung der ehemaligen Feldmark vor
allem mit Wohnhäusern. Diese Entwicklung
wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder
aufgenommen und hält noch immer an.
Der historische Dorfkern lag etwa zwischen
der Davenstedter Straße und dem Richard-
Partzsch-Weg; Straßenplanungen und Be-
bauung der jüngeren Vergangenheit haben
die städtebauliche Situation in diesem Bereich
stark verfremdet; immerhin läßt sich nahe der
Kapelle im geschwungenen historischen Weg
zwischen Davenstedter Straße und Geveker
Kamp und der hier konzentrierten bäuerlichen
Bebauung der Restkern ausmachen. Wenn-
gleich sich in den letzten Jahren in diesen Be-
reich neue Wohnhäuser geschoben haben,
besitzen die Relikte der ländlichen Vergan-
genheit noch immer ihren ortsbildprägenden
Stellenwert und signalisieren „Altes Dorf“. Zu
diesen Signalen gehören hohe Bäume, weg-

Altes Dorf 7, Wohnwirtschaftsgebäude, 1857

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