Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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18 STÖCKEN

Der 1907 nach Hannover eingemeindete
Stadtteil Stöcken zieht sich entlang der Stök-
kener Straße hin, einer nordöstlichen Ausfall-
straße, die über Berenbostel nach Nienburg
führt.
Im Südwesten bildet die Leine die Stadtteil-
grenze, die hier gleichzeitig Stadtgrenze von
Hannover ist. Das Gebiet zwischen der stark
kurvigen Leine und dem Westschnellweg ist
nicht bebaut, da es sich um sumpfiges Masch-
gelände handelt. Weiter nördlich grenzt der
Stadtteil an den äußersten nordwestlichen
hannoverschen Bezirk Marienwerder. Im Nor-
den umschließt die Stadtgrenze den Gebäu-
dekomplex der städtischen Lungenklinik „Hei-
dehaus“, bezieht nach Osten einen Teil der
anschließenden Heideflächen ein, knickt nach
Süden ab und kreuzt die Autobahn und den
Mittellandkanal. Weiterhin ist das gesamte
weit nach Osten ausgreifende Fabrikgelände
des VW-Werks einbezogen. Im Anschluß folgt
die Stadtteilgrenze der Mecklenheidestraße
bis zur Gemeindeholzstraße, die gemeinsam
mit der nach Süden verlaufenden Fuhsestra-
ße die östliche und südöstliche Begrenzung
des Stadtteils bildet.
Stöcken wird 1196 erstmalig in einer Stiftsur-
kunde des Klosters Marienwerder genannt
(„Stockem“), zu dessen Klosterkirche es
nachweislich seit 1250 eingepfarrt war.
Die Hofanlagen des ehemaligen Dorfes zogen
sich südlich (Weizenfeldstraße, Obentraut-
straße) und nördlich (Auf der Klappenburg)
des Stöckener Baches parallel zu seinem Ver-
lauf hin, schlossen sich an der Gemeindeholz-
straße nahezu kreisförmig zusammen und la-
gen an der gewundenen Stöckener Straße bis
etwa in Höhe der Leinebiegung als nördlicher
Abschluß (hier heute Benennung als „Jäde-
kamp“). Östlich bildet auch heute noch das
Gemeindeholz die Begrenzung.
Für 1890 verzeichnet der Ablösungsrezeß in
Stöcken 4 Vollmeier, 6 Halbmeier, 1 Groß-
köthner, 10 Kleinköthner, 20 Brinksitzer, 13
Anbauern, 3 Abbauern und 8 Häuslinge. Von
diesen zahlreichen bäuerlichen Anwesen wird
heute kaum noch eines landwirtschaftlich ge-
nutzt. Trotz vielfacher Abrisse und baulicher
Veränderungen konnte Stöcken sein dörfli-
ches Erscheinungsbild vor allem im Bereich
des Stöckener Baches, der Gemeindeholz-
straße und des Jädekamps bewahren. Am
störendsten wirkten sich die Erweiterung der
Continental-Werke, die Anlage des West-
schnellweges und der Ausbau der Mecklen-
heidestraße aus. Die letzte Maßnahme be-
wirkte eine starke räumliche Abtrennung der
Hofanlagen am Jädekamp vom sonstigen
Dorfbereich.
Im Jädekamp haben sich zwei Hofanlagen er-
halten, deren Bausubstanz bis in das 18. Jh.
zurückgeht. Der zweifach auf Knaggen vor-
kragende Wirtschaftsgiebel des Haupthauses
von Jädekamp 5 ist 1770 datiert, seitlich ist ein
verputztes Wohnhaus (um 1910) angesetzt.
Das zugehörige Altenteilerhaus (?) Nr. 5a ist
von 1801. Nach Nordwesten schließt der Voll-
meierhof Mohrhoff an (Jädekamp 13), dessen
Haupthaus ebenfalls ein Vierständerbau ist.

Der Wirtschaftsgiebel mit einfachem Gitter-
fachwerk ist 1835 datiert, der Wohnteil massiv
erweitert. Stallungen verbinden den Wirt-
schaftsteil mit einer Scheune. Ein ehemaliges
Wirtschaftsgebäude an der Straße von 1818
ist teilweise für Wohnzwecke wohl als Alten-
teilerhaus ausgebaut.
Im übrigen Dorfbereich ist insbesondere eine
Baugruppe in der Gemeindeholzstraße von
ortsbildprägender Bedeutung. Ein Wohn- und
Wirtschaftsgebäude von 1771 (Gemeinde-
holzstraße 1) wurde bis zum Neubau der
Volksschule am Stöckener Bach 5 1899 als
Schule genutzt. Das Giebeldreieck des Vier-
ständerbaues kragt auf Knaggen vor. Auf der
gegenüberliegenden Straßenseite steht ein
Vierständerbau von 1866 (Gemeindeholzstra-
ße 12) mit einem quergelagerten massiven
Wohnteil aus der Zeit um 1910.
Über die orts- und siedlungsgeschichtliche
Bedeutung hinaus ist der auf einem zum Stök-
kener Bach hinabfallenden Grundstück gele-
gene Dreiständerbau Stöckener Straße 235
von 1777 aufgrund seiner Konstruktion von
hauskundlichem Interesse. Etwa die südliche
Grenze des alten Dorfes Stöcken wird von

Gemeindeholzstraße 1, Wohn- und
Wirtschaftsgebäude, 1771


Weizenfeldstraße 69,
Wohnwirtschaftsgebäude, 1816


Jädekamp 13,
Wirtschaftsgebäude, 1818


dem 1816 datierten ehemaligen Häuslings-
haus Weizenfeldstraße 69/Ecke Stöckener
Straße markiert.
Unter den Bauten, die nach der Eingemein-
dung 1907 allmählich städtische Einflüsse in
den Dorfkern hineintragen, befindet sich eine
bemerkenswerte Turnhalle an der Stöckener
Straße/Mecklenheidestraße. Der heute zur
Feuerwache 2 gehörende qualitätsvolle Klin-
kerbau entstand etwa 1928 nach Entwurf des
Stadtbauamtes und trägt deutlich charakteri-
stische Stilzüge der Bauten Eikarts.
Eine erste Erweiterung erfuhr die bäuerliche
Gemeinde vor allem seit den achtziger Jahren
des 19. Jh. Bedingt durch die nahen Industrie-
betriebe in Leinhausen und Vinnhorst entstan-
den kleine Arbeiterwohnhäuser, die in offener
Bebauung mit Vorgärten besonders entlang
der Weizenfeldstraße, der Broyhahnstraße
und der Stöckener Straße zu finden sind.

Gemeindeholzstraße 12,
Wohnwirtschaftsgebäude, 1866


Stöckener Straße/Mecklenheidestraße,
ehern. Turnhalle, um 1928


Stöckener Straße 235,
Wohnwirtschaftsgebäude, 1777


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