Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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Diese heute verschwundenen Höfe, der Pfer-
deturm mit Nebengebäuden und die 1714 ein-
gerichtete Stadtziegelei (Abbruch 1909), die
etwa im Bereich des Stephansstiftes lag, wa-
ren bis weit in das 19. Jh. die einzige Bebau-
ung Kleefelds.
DIE ENTWICKLUNG KLEEFELDS
IM 19. JH.
Das ursprünglich zur Aegidien-Gartenge-
meinde gehörende Gebiet wurde 1829 bei der
Einteilung der Gartengemeinden in Ortschaf-
ten zur Ortschaft Kleefeld („alles östlich dem
Pferdethurm mit Einschluß des Kirchröder
Thurms“). 1843 schlossen sich die Ortschaf-
ten zur Vorstadt Hannover zusammen, die
1859 in die Stadt Hannover eingemeindet
wurde. Im Laufe des 19. Jh. siedelten sich in
Kleefeld wie zuvor in den übrigen Gartenge-
meinden Gartenleute an. Mitte des 19. Jh.
setzte eine dichtere Besiedlung ein, deren
Rückgrat das vorhandene Straßensystem bil-
dete. Neben den beiden oben erwähnten
Hauptstraßen Berckhusenstraße und Kirchrö-
der Straße waren dies vor allem der zu einem
der Erbzinshöfe führende Dohmeyers Weg
und die Kleestraße an der Eilenriede.
Bahnanlage
Die das Kleefelder Gebiet zunächst ohne Hal-
tepunkt durchquerende Eisenbahnlinie nach
Lehrte wurde 1843 eröffnet. 1912 war die Hö-
herlegung der Bahnstrecke auf einen Bahn-
damm abgeschlossen, in dessen Verlauf
mehrere Brücken entstanden. Die zum Teil
auf sehr schönen Eisenpfeilern aufsitzenden
Eisenbrücken (Kleestraße) haben Betonwider-
lager, die mit bossierten Sandsteinquadern
verblendet sind und Pilastergliederungen
(Berckhusenstraße) oder geometrisierende
Ornamente im Brüstungsbereich (Kleestraße,
Ebellstraße) aufweisen.
Gleichzeitig wurde der Bahnhof Kleefeld an-
gelegt, dessen Schalterhalle in den Bahn-
damm eingebaut ist. Die symmetrische, von
zwei Eck„pfeilern“ flankierte Fassade mit ei-
nem übergiebelten Mittelteil ist mit Quadern
verblendet. Ein überdachter Treppenaufgang
führt zum Bahnsteig, dessen Überdachung
aus der Erbauungszeit des Bahnhofs stammt.
Von der älteren ländlichen Bebauung der Gar-
tenleute etwa aus der Mitte des 19. Jh. haben
sich nur wenige Fachwerkbauten erhalten. Zu
ihnen gehören das holzverkleidete ehemalige
Wohnhaus des Drehorgelbauers Wrede
(Berckhusenstraße 9) und das Doppelarbei-
terwohnhaus Scheidestraße 16. Beide Bauten
zeigen noch weitgehend die originale Bausub-
stanz. Weitere Fachwerkhäuser dieser Zeit
sind stärker verändert.
KAPELLENSTRASSE/
HÖLDERLINSTRASSE
Als erste neue Straße wurde zu Beginn der
siebziger Jahre des 19. Jh. die Kapellenstraße
zwischen Dohmeyers Weg und Kleestraße
angelegt, an der 1873/74 eine Kapelle für die
Kleefelder Gemeinde nach Entwurf C.W. Ha-
ses entstand. Der Neubau des von Ziegeler
entworfenen Gemeindehauses (Hölderlin-
Straße 1), ein Putzbau auf hohem Ziegelsok-

kel mit zu Bogenstellungen zusammengefaß-
ten Fensterreihen, ersetzte 1927 den Kapel-
lenbau an der Ecke zur Hölderlinstraße, in der
ursprünglichen Benennung ein Seitenweg zu
Dohmeyers Weg. Um die Kapelle hatte sich
bald nach ihrer Erbauung ein kirchliches und
schulisches Zentrum gebildet.
1877 war das Pfarrhaus durch den Architek-
ten Louis Frühling errichtet worden (Hölderlin-
Straße 3), etwa zur selben Zeit der Kindergar-
ten (Kapellenstraße 7). Beides sind Back-
steinbauten mit einfacher Ziegelziersetzung.
Bereits 1857 war Kleefelds erste Schule auf
einem Grundstück nördlich der Bahnlinie zwi-
schen Dohmeyers Weg, Kapellenstraße und
Hölderlinstraße gebaut worden (Abbruch um
1975). Trotz großer Erweiterung in den Folge-
jahren wurde das Gebäude schnell zu klein,
so daß keine dreißig Jahre später ein neuer
Schulbau beschlossen wurde. Die 1886 ein-
geweihte Schule (Hölderlinstraße 6) ist ein
dreigeschossiger Backsteinbau mit gotisie-
renden Formelementen.
Neben kirchlichen Bauten und Schule war
westlich der Einmündung der Hölderlinstraße
in den siebziger Jahren an der Kapellenstraße

Hölderlinstraße 3, Pfarrhaus, 1877,
Architekt L. Frühling


Hölderlinstraße 6, Schule, 1886



Hölderlinstraße 1, Gemeindehaus, 1927,
Architekt Ziegeler

eine Gruppe von Arbeiter- und Handwerker-
häusern entstanden, deren Vielfalt an Bauty-
pen ein breites Spektrum des Wohnungsbaus
für einfache Ansprüche dieser Zeit bietet (Ka-
pellenstraße 3-6, 17-22a). Die ein-bis zwei-
geschossigen Bauten in Backstein, teilweise
auch verputzt, stehen auf der Südseite
zurückgesetzt mit Vorgarten an der Straße,
Giebel- und Traufständigkeit wechselt. Eine
Ausnahme unter den Massivbauten ist das in
der Blickachse der Hölderlinstraße liegende
giebelständige Fachwerkhaus Kapellenstra-
ße 16, das 1876 im „Schweizer Stil“ errichtet
wurde.
Auch die weitere Aufsiedlung der Kapellen-
straße, an der 1898 frühe Bauten der 1894 ge-
gründeten Kleefelder Baugenossenschaft
entstanden (Nr. 1/1 a, Architekt C. Brasack),
zeugt von einer homogenen Bewohnerstruk-
tur. Dagegen entsprach die heterogene Be-
bauung der übrigen Straßen den unterschied-
lichen Ansprüchen ihrer Bewohner. Wegen ih-
rer besonderen Gestaltung fallen einige der
um 1900 gebauten Häuser auf.
Das in der Tradition der Hannoverschen
Schule stehende dreigeschossige Wohn- und



Dohmeyers Weg 6, Wohn- und
Geschäftshaus, um 1900


Kapellenstraße 16, Wohnhaus, 1876


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