Twachtmann-Schlichter, Anke [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 14,1): Stadt Hildesheim: mit den Stadtteilen Achtum, Bavenstedt, Drispenstedt, Einum, Himmelsthür, Itzum, Marienburg, Marienrode, Neuhof, Ochtersum, Sorsum, Steuerwald und Uppen — Hameln, 2007

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BRÜHL

Der Name Brühl bezeichnete ursprünglich eine
sumpfige Niederung, auf der sich die Altstadt
nach Süden bis zum Godehardikloster aus-
dehnte. Im Norden reichte der Brühl anfangs an
die bürgerliche Altstadt, dehnte sich im Osten
bis an die Neustadt, im Westen an die Treibe
und bis an den Mühlengraben aus. Ursprüng-
lich war die Gegend außerhalb des Mauerzu-
ges, der vom ehemaligen Friesentor nordöstlich
der Kreuzkirche bis zur Domburg reichte, nur
von Gärten bestimmt. Wahrscheinlich fand seit
1200 auch die Bezeichnung „in Brulone“
Verwendung. Entweder stand diese Pate bei
der späteren Namensgebung des Brühl oder
sie geht auf das Wort „Bruchland“ zurück.
Durch die Gründung des Klosters St. Gode-
hardi 1133, südlich des Brühl, erfolgte die
allmähliche Besiedlung des Gebiets und die
Entstehung der dazugehörigen Pfarrkirche St.
Nicolai. Da das Kloster eine eigene Ummau-
erung besaß, lag der Brühl ursprünglich offen.
1234 wurde das nordwestlich von St. Nicolai
liegende Paulinerkloster durch die Dominikaner
gegründet. Da sie 1286 das Recht erhielten,
eine von West nach Ost verlaufende Kloster-
mauer zu errichten, war der Brühl bis ins 16. Jh.
von der bürgerlichen Altstadt getrennt. In den
folgenden Jahren kam es zur Bezeichnung
dreier Kompartimente: Vorderer Brühl, Mittlerer
Brühl von der Dominikanerkirche St. Paul bis St.
Godehardi und Hinterer Brühl, westlich parallel
verlaufend zum Mittleren Brühl. Nicht eindeutig
geklärt ist, wann der auch im Plan von 1769
abgebildete Mauerzug, von der Domburg quer
durch den Vorderen Brühl verlaufend, entstand.
Nördlich der Kreuzkirche lag in dieser
Befestigung der erst im 19. Jh. zerstörte
Pulverturm - in etwa heute an der Stelle der
Turnhalle der Handelslehranstalten. Aufgrund
seiner geschützten Lage diente er als Pulver-
magazin.
Am Brühl 38 hat sich ein Teilstück der ehemali-
gen Stadtmauer erhalten. Mit dem nach Osten
bzw. Nordosten weiterführenden Mauerzug
mag man noch den mittelalterlichen Stadtmau-
erverlauf assoziieren.
Heute umfasst die Benennung Brühl die beiden
Teile Vorderer und Mittlerer Brühl. Eine Aus-
dehnung nördlich bis an die Kreuzstraße erfuhr
1871 der Vordere Brühl und wurde in Brühl-
straße umbenannt. Bis zu dieser Erweiterung
hieß der Teil, der von der Kreuzkirche bis zum
Pulverturm reichte „Vor dem Pulverturm”. Noch
heute ist die weitgehend im Mittelalter entstan-
dene, fast geschlossene Fachwerkbebauung,
die den Brühl auszeichnet, zum Teil erhalten
und gibt einen ungefähren Eindruck des Stadt-
bildes vor der Zerstörung am 22. März 1945
wieder. Durch die Beilegung der langjährigen
offenen Feindschaft zwischen der Altstadt und
der Neustadt wurde erst 1583 die „Querstraße
im Brühl, die auf den Kirchhof St. Pauli stieß, zu
einer Straße gemacht und zwar sowohl nach
dem Brühl wie zur Wollenweberstraße hin“.
Allerdings wurde erst im 19. Jh. die Neue Stra-
ße bis zum Domhof geführt, so dass die bis
dahin gebräuchlichen Namen für die westlichen
Teilstücke „Vor der Karthause“ und „In der
Mausefalle“ entfielen.


Hildesheim, Brühl 38, Relikt der ehemaligen Stadtmauer


Hildesheim, Treibestraße/Ecke Neue Straße, ehemalige Kartause, Torhaus, St. Bernward-Krankenhaus

Im Bereich des ehemaligen Karthäuser-Klos-
ters, Treibestraße/Ecke Neue Straße, floss den
Hückedahl entlang die heute kanalisierte Treibe
und mündet südwestlich in den Mühlengraben.
Deutlich fällt das Gelände nach Westen ab.
Die Geschichte der Karthause ist auch eng mit
der der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vin-
zenz von Paul in Hildesheim verbunden. Die
1857 gegründete Hildesheimer Kongregation
widmet sich auch heute noch vornehmlich ka-
ritativen Aufgaben, wie beispielsweise der
Armen-, Alten- und Krankenpflege. 1852 stellte
die Armenverwaltung der Stadt Hildesheim den
Schwestern den Südflügel der Karthause als
Krankenpflegestätte und Wohnstätte zur Ver-
fügung. In dieser Zeit erhielt die anfänglich
kleine katholische Krankenpflegestation den
heutigen Namen „Sankt Bernward-Kranken-
haus“.
Die Karthäuser, Gründer des ehemaligen
Karthäuser-Klosters, sind seit 1367 vor den
Toren Hildesheims ansässig. Nach den Zer-

störungen im Dreißigjährigen Krieg begann man
1659 mit dem Neubau des Klosters. Von dem
gesamten Klostertrakt blieb lediglich das dop-
pelgeschossige Torhaus, Treibestraße/Ecke
Neue Straße, südlich der Stineken Pforte erhal-
ten. Ein Portal betont die Durchfahrt des mas-
siven Untergeschosses des Fachwerkbaues,
wobei das Datum des Scheitelsteines das Jahr
1760 nennt. Das ansonsten recht schmucklose
Portal wird gekrönt von einer Muttergottesfigur
mit Jesusknaben, umgeben von einer Strahlen-
krone. Flankiert wird die Madonna von den
Statuen Johannes des Täufers und dem
Ordensbegründer, dem hl. Bruno, wahrschein-
lich ebenso erst um 1700 entstanden wie der
Fachwerkaufbau.
Westlich schließt ein Flügel des ehemaligen
Wirtschaftstraktes, ein zweigeschossiger
Bruchsteinbau, an, der ebenfalls heute zum
umfangreichen Komplex des Sankt Bernward-
Krankenhauses zählt.

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