Sänger, Falk-Reimar [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 21): Landkreis Lüchow-Dannenberg — Braunschweig, 1986

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GUSBORN-SIEMEN

Der relativ große Ort Siemen 12 km südöstlich
Dannenbergs ist im Kern ein zweizeiliges
Straßendorf, dessen innere Erschließung sich
im Nordwesten gabelt. In diesem Bereich sind
die Hofflächen sektorförmig aufgeteilt, so daß
das Dorf hier teilweise Rundlingscharakter an-
genommen hat. Bei der Gemeinheitsteilung
im 19. Jh. erhielt Siemen neben der inneren
noch eine äußere, das Dorf ringförmig umge-
bende Erschließung, außerhalb derer mehre-
re Gebäude des 19. Jh. u. 20. Jh. von weiterer
Siedlungstätigkeit zeugen.
Im Kern des Ortes findet sich Bausubstanz
des 17., 18. und 19. Jh., leider oft durch Um-
bauten entstellt. Zusätzlich stört ein moder-
nes, traufständiges Wohnhaus das Ortsbild.
Das Haupthaus des Hofes Nr. 22 aus dem An-
fang des 18. Jh. weist noch ein vollständig er-
haltenes Dreiständergerüst, eine große und
eine kleine offene Feuerstelle (Altenteiler?)
mit gemauerten Schwibbögen auf. Auch das
Haupthaus des gegenüberliegenden Hofes
Nr. 4 wurde im Jahre 1734 nach Brand seines
Vorgängers in Dreiständerkonstruktion errich-

Gusborn-Siemen, Forsthaus, 1848



Hitzacker, Bahnhof, 1873/74

tet. Diese Gerüstbauweise ist sogar noch im
Jahre 1820 beim Neubau des Hauses Nr. 6
angewendet worden, nachdem auch hier der
Vorgängerbau am 7. April des gleichen Jahres
durch ein Schadenfeuer eingeäschert worden
war. Gegenüber in der Gabelung der Dorfstra-
ße befindet sich ein bescheidenes Doppel-
wohnhaus (ohne Hausnummer, Flur 1, 473/
193; 47/196) des frühen 19. Jh., dessen ur-
sprüngliche Zweckbestimmung eventuell als
Hirtenhaus, oder Häuslingshaus nicht mehr
bekannt ist.
Von völlig anderer Qualität ist das Wohnhaus
der am Nordostrand des Dorfes gelegenen
Försterei. Bei dem im Jahre 1848 errichteten
Ziegelbau klingen bereits erste historisieren-
de Schmuckformen an, die man um diese Zeit
nur in großen Städten erwarten würde.
GUSBORN-ZADRAU

Das Dorf Zadrau liegt im Naturschutzgebiet
Lucie 8 km südöstlich der Stadt Dannenberg.
Seine ehemalige Rundlingsgestalt in Form
einer Sackgasse ist nur noch an dem sektor-


Gusborn-Siemen, Nr. 22,
Wohn-Wirtschaftsgebäude, frühes 18. Jh.



Hitzacker, Am Bahnhof 2, ehemaliges
Kurhotel Victoria, um 1885

förmigen Zuschnitt der Hofparzellen zu erken-
nen. Wegen der durch Hofteilung sehr schma-
len Parzellen mußten die Haupthäuser auf
deren Außenteilen errichtet werden, wo sie bei
der Verkoppelung durch eine ringförmige
Straße erschlossen wurden. Einige Höfe wur-
den sogar außerhalb des Wegekranzes neu
errichtet.
Hier entstanden auf den Höfen Nr. 4 und Nr.
18 gegen Ende des 19. Jh. geräumige Vier-
ständerhäuser sowie traditionelle Ställe und
Scheunen. Zerstörungen, die gegen Ende des
Zweiten Weltkrieges das Dorf betrafen, voll-
endeten den Auflösungsprozeß des alten
Rundlings.
HITZACKER

Im Norden des Kreisgebietes tritt der Hohe
Drawehn bis unmittelbar an die Elbe heran
und fällt teilweise als Steilufer zu ihr ab. An sei-
ner Südflanke, wo die Jeetzel in die Elbe mün-
det, ragen zwei Höhen, der Weinberg und der
Kirchberg, besonders markant aus der Ebene
der Flußmarsch hervor.
Diese günstige geographische Situation führ-
te zur Anlage einer Höhenburg in beherr-
schender Lage auf dem Weinberg, der ur-
sprünglich als Burgberg bezeichnet wurde.
Die Gründung geht vermutlich auf Heinrich
den Löwen (1129-1195) zurück und wird im
Jahre 1162 erstmals bezeugt. Im Schutze der
Burg entstand schon früh eine Ansiedlung auf
dem unmittelbar benachbarten Kirchberg. Die
Burg dagegen wurde vermutlich schon im 15.
Jh. völlig zerstört. Heute sind von ihr keine
oberirdischen Mauerwerksreste mehr vorhan-
den.
Zu Beginn des 13. Jh. kamen Burg und Berg-
siedlung Hitzacker unter askanische Herr-
schaft und wurden damit westlicher Brücken-
kopf ihres Territoriums. Nun wurde die Stadt
auf der Jeetzelinsel unmittelbar am Fuße des
Weinberges neu angelegt. Herzog Albrecht I.
(t 1261), der die Stadt bereits mit Zoll- und
Handelsfreiheit belehnte, gilt als ihr eigentli-
cher Gründer. Als Gründungsjahr wird heute
allgemein 1258 angenommen. Der damals
angelegte Stadtgrundriß mit einer sich gabeln-
den Längserschließung über das Drawehner-
tor (Drawehnertorstraße, Hauptstraße, Elb-
straße) und einer Quererschließung über das
Marschtor (Marschtorstraße) hat sich bis heu-
te im wesentlichen erhalten. Auch die Größe
und der Zuschnitt der Insel hat sich seither
kaum verändert. Nach mehrfach wechselnder
Oberherrschaft kam Hitzacker 1446 endgültig
an das Haus Braunschweig-Lüneburg.
Gut und Wasserburg Dötzingen der Herren
von Hitzacker mit vielfachem Bezug zur Burg
auf dem Weinberg werden erstmals zu Anfang
des 14. Jh. erwähnt. Das Rundlingsdorf Mar-
wedel mit Beziehungen zur bürgerlichen Stadt
taucht Mitte des 15. Jh. erstmals aus dem
Dunkel der Geschichte. Damit sind alle fünf
Siedlungskerne innerhalb des Gebietes der
heutigen Stadt Hitzacker aufgeführt worden.
Die Stadt auf der Insel war durch einen künstli-
chen Wasserlauf in einen nördlichen, dem
Adel vorbehaltenen Teil und einen größeren,
bürgerlichen Teil im Süden getrennt. Der

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