Ephron, Walter; Strzygowski, Josef <Prof. Dr.> ; Bosch, Hieronymus [Editor]
Hieronymus Bosch - Zwei Kreuztragungen: eine "planmässige Wesensuntersuchung" — Zürich , Leipzig , Wien, 1931

Page: 115
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Kunstwerken enthalten ist, die vielfältigen Niederschläge der Zeiten und Personen,
die reichen seelischen und verstandesmäßigen Werte, die Nachwirkungen der
Vergangenheit und Auswirkungen in die Zukunft, davon kann sich nur der-
jenige eine rechte Vorstellung machen, der das Verfahren „Kunde, Wesen und
Entwicklung“ an einem allbekannten, von der früheren Kunstgeschichte gut
durchgearbeiteten Kunstwerk einmal anwandte und dabei eine unübersehbare
Fülle neuer Tatsachen und unbekannter Wesenheiten fand, die früher der Er-
kenntnis überhaupt nicht zugänglich waren. An solchen Beispielen ersieht man
erst, was alles die Vergangenheit versäumte, und welche gewaltige Aufgaben
die Kunstwissenschaft in Zukunft zu erfüllen haben wird.

Angesichts solcher reicher Möglichkeiten sollte jeder Fachmann dieses Ver-
fahren anwenden lernen, um einmal dort gesichert einherzuschreiten, wo er
bisher in den grenzenlosen Regionen persönlicher Eindrücke richtungslos dahin-
schwebte. Dies allerdings bedeutet aus den Höhen göttiicher Eingebung in die
Niederungen des praktischen Verstandes herabzusteigen. Dort aber, im Olymp,
fühlt sich der Kenner alter Schule am wohlsten. Daß er im Gebiet des Schöpfe-
rischen nichts zu suchen hat, hört er nicht gerne. Aber er muß daran erinnert
werden, daß Kunst hervorbringen eine freie schöpferische Tat ist, dagegen über
Kunst denken, schreiben, reden und urteilen nur als eine gebundene irdische
Arbeit gilt, die der kritischen Nachprüfung unterliegt. Allein die Kunst selbst
ist so elementar hinzunehmen, wie sie ist, so wie der Mensch, das Tier, die
Pilanze, wie die Welt selbst. Kunstwissenschaft und Kennerurteil jedoch haben
als ausgesprochen geistige Leistungen nichts mit Kunst, die ihrem Wesen nach
etwas ganz anderes ist, zu tun. Es sind dies Angelegenheiten des geordneten
Denkens und nicht der freien Eingebung. Der Wahrheitsgehalt des Kunsturteiles
kann und soll daher nachgemessen werden! Und als Grundsatz gilt es hier,
wie in allen Gebieten verstandesmäßiger Geistesarbeit: Unrichtig, ja sogar nicht
bestehend ist jede Behauptung, die des Beweises ermangelt.

Aus dieser Überlegung ist die „Kennermeinung“, wie sie heute pseudo-
künstlerisch betrieben wird, abzulehnen. Die schweren praktischen Auswüchse,
auf die nicht näher eingegangen werden soll, deren Bestehen jedoch von allen
ernsten Kennern offen zugegeben wird, bekräftigen nur die hier theoretisch be-
gründete Ablehnung. Das Kennerurteil war als schwächliches Auskunftsmittel
so lange berechtigt, als die Kunstwissenschaft noch nicht befähigt war, gesicherte
Ergebnisse zu liefern. Heute ist sie dank der Strzygowski’schen planmäßigen
Wesensuntersuchung so weit. Der Kenner wird sich in Zukunft entschließen
müssen, seine Urteile entweder wissenschaftlich aufzubauen oder man wird
darauf verzichten, ihn um seine Privatmeinung zu befragen. Und der Zeitpunkt
hiefür liegt in nächster Nähe. Das Publikum, Sammler, Händler und andere

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