Wagner, Heinrich
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Oberhessen: Kreis Büdingen — Darmstadt, 1890

Seite: 214
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KREIS BÜDINGEN

Johanniterhaus, auf Grund eines mit Philipp dein Grossmütigen um 1537 getroffenen
Abkommens, die Präsentation und Besoldung der reformierten Geistlichen zu Nidda,
bis das Kirchenwesen daselbst, durch den vorerwähnten Vertrag von 1584 ganz
an Hessen überging.

Diese Pfarrkirche besass einen Altar U. L. Frauen, einen Altar des h. Kreuzes,
des h. Johannes d. T. und der h. Dorothea, sowie einen Altar des h. Nikolas.*)

Die Vorstadt Raun, welche auch in diese Kirche eingepfarrt war, hatte ihren
Kirchgang um die Stadt herum.

Von der Pfarrkirche oder Johanniterkirche steht nur noch der Turm.

Aus einem alten Plan des Gotteshauses,**) welcher 1633 zum Zweck seiner Wiederherstellung
gezeichnet wurde, sowie aus der zugehörigen Baubeschreibung ist zu schliessen , dass die Kirche
eine alte Pfeilerbasilika war, deren Mittelschiff samt dem Chor 1 lä,' lang, 28' breit war, (1' = rund
28 cm) und zwei Seitenschiffe, 84' lang, 12' breit, sowie einen Turm an der Südostseite hatte.
Die »obere Pfürtz« (d. i. nördliches Seitenschill') sollte wegen Verfalls abgebrochen und die Kirche
mit Empore versehen werden.

Fig. 106 stellt diesen Grundriss der ehemaligen Kirche, Fig. 107 den
Turm in seiner jetzigen Gestalt dar. Letzterer wurde laut der an einem Eck-
quader der Südseite angebrachten Inschrift, JECllUO ' m
Ölil • 111° • tttt°' %Ci, i. J. 149 1 erbaut. Nebenan liest ] \,fjY|
man an einem Eckquader der Ostseite den Namen: H *■ >
Gilbert war vielleicht der Baumeister des Turmes.
Spätgotische Masswerksfenster erhellen die Turmhalle, welche mit einem Kreuz-
gewölbe überdeckt ist. Im Schlussstein desselben sind
jj\ fnif|$>\ Wappen und Namen des Amtmanns, Asmus Düring, sowie
die Jahreszahl 1492 eingemeisselt. Auch bemerkt man
teils an diesem Schlussstein, teils an den Rippen des
Gewölbes und an dem Stab- 11
werk der Fenster die hierneben jV' X /\

abgebildeten Steinmetzzeichen:

Der obere Teil des Turmes zeigt im Äussern an der
Nordwand die Spuren des früheren Dachanschlusses. An
den Steingiebeln sind Spitzbogenfenstcr mit Fischblasen-Masswerk angebracht; ein
achteckiger spitzer Turmhelm bildet das Dach.

Schon zu Anfang des 17. Jahrhunderts scheint die Kirche baufällig gewesen
zu sein. Denn 161 7 berichteten Bürgermeister und Rat der Stadt dass sie »wegen
des neu erbauten Johanniter Kirchen Chors« noch 200 Gulden schuldig seien,
und 1633 wurde der schon erwähnte Plan zur Wiederherstellung der Kirche gefasst,
aber nicht verwirklicht. Auch die Ausführung dessen, was schon vorher Hermann
Friedrich Krug, gewesener Rentmeister in Nidda »zu erbawung solcher Kirchen
vf seinem Todtbeth verordnet gehabt« unterblieb, als der Krieg Schrecken und
Verderben im Lande verbreitete. Das Bauwerk war 1636 dermassen zugerichtet
und verwüstet, dass es keiner Kirche mehr ähnlich sah. Endlich wurden 1780

*) Nach Schenkungs- u, Stiftungsbriefen (v, 1318, 1335, 1490 im Grossh. Haus- u. Staats-Archiv zu Daim-
stadt}, und Urk. v. 1482 im Repert. d. Ortenb. Arch.

**) Grossh. Haus- u. Staats-Arch'., dem auch die weiter unten folgenden Angaben hierüber entnommen sind.
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