Wagner, Heinrich
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Oberhessen: Kreis Büdingen — Darmstadt, 1890

Page: 231
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kdgh_buedingen/0250
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
OBER-WIDDERSHEIM

231

Nur eine der drei im Turm aufgehängten Glocken ist alt. Sie misst unten
0,54 m Weite und hat am Hals in erhabenen gotischen Majuskeln (18 bis 23 mm
hoch) die Namen der vier Evangelisten liVffiOÜS ■ ffiSRüVS ■ flBHTÖVS •
IOtlJIßRSS • eingegossen. Die Glocke mag der ersten Hälfte des 14. Jahr-
hunderts angehören.

Bemerkenswert ist ein altertümliches Haus No. 17 und 18, mit steinernem Alte Häuser
Erdgeschoss und zwei Obergeschossen. An der östlichen Langseite führt ein Spitz-
bogenthor ins Innere, zu dessen Seiten in den Fensterstürzen zu lesen ist: links,
ANNO • DNI • \576, rechts, IOHANNES • CHELIVS • W ■ PF. Das Haus gehörte
somit dem gleichnamigen, in der Kirche begrabenen Pfarrer (s. 0.). An der Giebel-
seite desselben Hauses findet sich die in der Wandschwelle über dem Erdgeschoss
eingeschnittene Inschrift: NOSTRVM • OPVS ■ VT • LAVDI • SERVIAT • OMNI •
TVA ■ Ein gutes, altes Holzhaus, jetzt No. 21, hat geschnitzte Eckpfosten, darunter
eine ganz unleserliche Inschrift mit der Jahreszahl ^687- Das Wirtshaus ist mit
einer gezimmerten Vorhalle, zu der eine vorgelegte Freitreppe führt, versehen, und
Ähnliches findet sich an anderen Häusern des Ortes.

Die Anhöhe »auf der Burg«, 1 km südlich von Unter-Widdersheim, ist längst Römische und

vormittelaiterl.

als Teil der römischen Grenzwehr erkannt, welche nach Kofier's Untersuchungen*) Überreste
an der Westseite des genannten Dorfes, sodann etwas weiter nördlich an einer
weiteren Römerstätte, dem »Massohl«, vorüberzog.

Im Wald bei Unter-Widdersheim, wenige Minuten südöstlich vom Ort ent-
fernt, ist auf flachem, nicht felsigen Boden ein Monolith errichtet, welcher ungefähr
2,30 m hoch emporragt, 0,70 m im Erdreich steckt und 1 m darüber 5,60 m im
Umfang misst. **) Der Stein, welcher zu den aus früh- oder vormittelalterlicher
Zeit herrührenden »Hinkeissteinen« gehört und im Volksmund »Kindchesslein«
heisst, nimmt nach oben die Gestalt eines gespaltenen, rundlichen Kegels an und
soll aus einem 5 bis 6 km von Unter-Widdersheim entfernten Bruch gewonnen
sein, wo die Gesteinsart Phonolith oder Klingstein, aus der er besteht, allein in
der Gegend vorkomme.

Ob der »Kindchesstein .<, um dessen Untergrund sich Reste frühmittelalterlicher
Thongefässe und Kohlen fanden, als Malstein oder Grenzstein bestimmt war, bleibt
dahingestellt.

*) Quartalbl. d. bist. Ver. f. d. Grossh. Hessen, 1886, S. 29 ff.
**) Kofler, in Jahreiber. d. Oberh. Ver. f. Localgesch. V. S. 5 ff. mit Abb., ebendas. Sagen.
loading ...