Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 59.1943-1944

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Der Bildhauer Günter von Scheven. Von Klemens Köhler

Vor I/2 Jahren ist, um mit Franz Marc zu sprechen,
der Krieg um einen Heldentod reicher, die deutsche
Kunst aber um einen Helden ärmer geworden. Am
21. März 1942 fiel in den harten Abwehrkämpfen am
Donez der aus Krefeld stammende 54jährige Bild-
hauer Günter von Scheven. Einen Begnadeten hat
unser Volk in ihm verloren. Was er in wenigen Jah-
ren geschaffen hat, brachte ihm die aufrichtige Be-
wunderung der Kenner und die tiefe Verehrung sei-
ner Freunde. Männer wie Kolbe blickten freudig auf
ihn und erwarteten mit Spannung noch Größeres.
Die Plastiken und Zeichnungen, die Günter v. Sche-
ven uns geschenkt hat, tragen den Adel seiner gro-
ßen, reinen Seele.

Seine Kunst war ihm heilige Verpflichtving. Durch
ernstes Studium bei Kolbe, Klinisch und Diederich,
durch sorgfältige Übung im Handwerklichen und ins-
besondere durch eiserne Selbstzucht war er in der
Lage, seinen großen, vielseitigen Anlagen Ausdruck
zu geben. Seine Hingabe an die Antike und die alten
italienischen Meister führte ihn nach Italien und
Griechenland, wo er seinen kritischen Sinn schulte
und tiefste Anregungen empfing. Seine Briefe aus
der Zeit seiner Wanderungen auf antikem Boden
legen Zeugnis ab von seinen ernsten Betrachtungen
und bewegten Empfindungen. So schreibt er aus
Italien: „. . . Ich glaube, daß die Gründe, welche den
Künstler veranlassen, heute nach Rom zu gehen, sich
grundlegend gewandelt haben: man geht um seiner
selbst willen, nicht um von Italien im üblichen Sinn
zu lernen. Es beschäftigen mich auch nicht die for-
malen, künstlerischen Gesetze und Einsichten, die die
großen Meister der älteren Zeit auszeichnen. Aber
deren menschliche Haltung, deren religiöses Bekennt-
nis, das ist es, was mich eigentlich bewegt. Was hat
sie veranlaßt, so zu schaffen, von welchen Ideen wur-
den sie geleitet: an diesen Fragen überprüfe ich mich
selber und werde mir klarer über das. was ich zu ar-
beiten versuche. Dies ist dann eine große innere Be-
reicherung; und bei der Fülle großer' menschlicher
Erscheinungen hier in Rom findet man neue Maß-
stäbe und mit diesen Maßstäben neue Anforderungen
an sich selbst."

Günter von Scheven, der von einem gesunden Form-
gefühl beherrscht war, wurde besonders stark von
dem Titanen Michelangelo angezogen. Er schreibt:
„. . . Einen gewaltigen Eindruck aber als einheitliche
Gestalt macht Michelangelo, er ergreift hier von
allen Erscheinungen am meisten; man erhält plötz-
lich eine ganz neue Vorstellung von der Leistungs-
kraft eines einzelnen Menschen. Wie ist es über-
haupt möglich, daß ein Einzelner in der Spanne zwi-
schen Geburt und Tod so unendlich viel gestalten
kann. Es ist der Dämon einer ganzen Epoche, der ihn
beseelt. Immer wieder finde ich, das Wesentliche ist
der menschliche Untergrund, der die künstlerische
Gestalt bestimmt, dort beginnt erst das Leben." Und
weiter: „. . . Ich weiß, ich kann nur dort mein Leben
erfüllen, wo ich geboren bin. in meiner Heimat, der
noch so gewaltige, römische Ereignisse und südliche

Vollendungen nicht den Rang streitig machen kön-
nen. Ich habe das Empfinden, daß hier in Rom das
Schicksal sich in einem Höchstmaß erfüllt hat. Aber
bei uns gibt es noch unbebauten Boden, der auf tätige

Foto R. Grimm. Berlin

Günter von Scheven. Trauernde

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