Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 5.1904-1905

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Kleine Mitteilungen.

KLEINE MITTEILUNGEN

Ex lihris von F. Nockher.

Das Kreuz
im Thurm des
Münsters zu
Strassburg bil-
det neuerdings
den Gegenstand
der Erörterungen
in der Tages-
presse. Offenbar
ist der Grundge-
danke dieser Dar-
legungen davon
ausgehend, daß
es dem Wesen
des christlichen
Kirchenbaues ent-
spricht, die Kreu-
zesform überall
hervortreten zu
lassen. In der in
vielen Kirchen — in geringem Grade auch im
Strassburger Münster — zu beobachtender
Achsenneigung zwischen Chor und Langhaus
haben z. B. mittelalterliche Liturgiker symbolisch
das im Tode geneigte Haupt Christi am Kreuz
erkennen wollen. Die Kreuzesform ergibt sich
auch sonst unschwer durch entsprechende Linien
oder durch auf optische Wirkung berechnete
Licht- und Schattenführung. Regierungsrat Fer-
dinand Geigl schreibt uns über das Turmkreuz
folgendes :

Die durch Johann Hültz aus Köln 1439 aus-
gebaute Spitze des Nordturms des Münsters ist
seit Napoleon I. wieder mit einem Kreuze ge-
krönt, an Stelle der blechernen Jakobinermütze
von 1794, welche den 1488 über einem Knopfe
errichteten Kelch nebst Schlüssel und das ur-
sprüngliche Marienbild nebst Kreuz ablöste.
Zahlreiche Kreuze in jeder Art und Größe über-
ragen auch nach außen die Vierung, Portale,
Strebepfeiler und Nebentürmchen. Daß aber
mitten im ersten Stockwerke des Nordturms
selbst ein annähernd 38 Meter hohes Kreuz mit
einem 12 Meter langen und 4 Meter breiten
Querbalken verborgen steckt, sieht man erst bei
grösserer Entfernung. Das Kreuz reicht von der
Plattform (über dem Münstcrplatz 66 Meter) bis
zum Fuße des Helmes (104 Meter); es ist ein-
gerahmt zu beiden Seiten (rechts wie links)
durch die Treppen außen, sowie durch die Turm-
kanten innen. Es ist sichtbar a) von Noru (Ger-

berei auf der Insel Wapken) nach Süd, b) von
Süd (neugebauter Schornstein westlich des Spital-
tores) nach Nord, c) von Ost (zwischen der Hafen-
und Straßenbalmbrücke über den kleinen Rhein,
oder wenn, wie jetzt, die Bäume entlaubt sind,
auf der Straße von der Zitadellenallee zur Ar-
tilleriewerkstätte) nach West, endlich d) von
West (zwischen Kronenburg und Königshofen)
nach Ost. — Je zwei der vier Turmtreppen,
welche den achteckigen Hauptturm einschliessen,
liegen in der Richtung Nord-Süd und Ost-West.
Da zwei der Turmtreppen mit der Vorder-
fassade des Munsters parallel laufen, so steht
das Schiff zum Chore nicht genau von West
nach Ost. sondern zu dieser Richtung mit un-
gefähr 45 Grad gedreht.

Der Pia hl des wunderbaren Innenkreuzes
bildet sich durch die Kante des in der Mitte
hervortretenden Treppenturms, wenn sich mit
letzterem der gegenüberliegende Turm und die
Pfeiler des achteckigen Turmes zur Verdichtung
des Bildes decken. Das Aussehen eines Quer-
balkens nehmen aber, in entsprechender Ent-
fernung vom Weichbilde der Stadt aus be-
trachtet, die etwa 10 Meter oberhalb der Glocken
sich schliessenden, reich verzierten Fenster-
bogen an, über deren Abschluß (96 Meter über
dem Münsterplatze) sich der untere, breite
Turmrundgang befindet, den man von den vier
„Schnecken" oder Außentreppentürmchen aus
unschwer über einen Strebepfeiler erreicht.

Die Fünfzigpfennigkarte für die Treppen-
türmchen lohnt sich schon wegen der pracht-
vollen Wölbung der im Innern des Hauptturmes
aufsteigenden Rippen, welche etwa 6 Meter über
dem erwähnten breiten Turm- und Rundgang
zum Abschlüsse gelangt.

Die Absicht, den Nordturm in dieser Weise
mit dem als Wahrzeichen weithin ins Land
hinein blickenden Innenkreuz auszubauen, stand
sicherlich bei den Werkmeistern des Münster-
baues schon seit dem Ende des 14.. Jahrhunderts
fest; sie entspricht dem den ganzen Bau im
Sinne des mittelalterlichen Zeitgeistes beherr-
schenden (irundgedanken der Verherrlichung des
Symbols des Christentums. Doch traten die
Werkmeister mit diesem Bauplan selbst nicht
der Stadtbchörde und dem Domkapitel gegenüber
offen hervor; einerseits befürchteten sie Ein-
sprüche (Unser Jahrgang II, S. 200) wegen
vermeintlicher „höherer Kosten"; andererseits
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