Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 5.1904-1905

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Peter Flötner und seine Plaketten.

in den in so gefälliger Form gebotenen
neuen Stoff hineinzugreifen. Vielleicht hat
Flötner aber dadurch auch eine Schuld
auf sich geladen, daß diese Handwerker
nicht mehr von seiner persönlichen Auf-
fassungsweise loskommen konnten, wie
wir das an hunderten, sonst tüchtigen
deutschen Arbeiten beobachten können.
Aber Flötners Ideen verwandelten sich

— und das erscheint als die Hauptsache

— in das Fleisch und Blut der künst-
lerischen Überzeugungen jener, die ihn
als ihren Lehrer betrachteten.

Flötner selbst hat sich durch schwere
innere Wandlungen als Künstler empor-
gerungen. Auf der Stufe des enthusiasti-
schen Erlernens, im Anblick und im Stu-
dium der Werke der Italiener, hat der
deutsche Meister das Fremde wohl höher
geschätzt als die Schöpfungen seines
Vaterlandes. Als sich aber seine Bildung
abrundete und abschloß in der Zeit seiner
Reife, kehrte er wieder mit Zuversicht
zum rein Natürlichen zurück und achtete
wieder auf seine eigenen Empfindungen und
Stimmungen. Wenn Flötner in eine schöne
Landschaft nichts stellt als einen bellenden
Hund, so erwirbt er sich in diesem Werke
den Namen eines der ersten deutschen
Künstler, die uns als Naturdichter erschei-
nen. Er verzichtet auf eine bedeutsame
Figurendarstellung; er sucht bloß nach einer
seiner Landschaft sich unterordnenden
Staffage. Hier in diesen Plaketten sehen
wir Flötner auf seiner höchsten Stufe.

Ein Blick auf Flötners Nachahmer
belehrt uns aber, wie in ihren Werken
die Zeit der Überreife anhebt, wie das

Caritas.
(Sammlung Bossard, Luzern).

Hantieren mit abstrakten Formen, das
Gelehrte und Gesuchte überwiegt und
trotz aller technischen Virtuosität, die nur
als ein Erbteil aus Flötners Schule zu
betrachten ist, der künstlerische Wert der
Plaketten sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt
vermindert.

Flötner hatte in seinen Medaillen und
Plaketten dem Volke den Reichtum seines
ureigensten Wesens erschlossen. Aber
auch in das Wirken eines H. S. Beham,
A. Krafft, Veit Stoß, Peter Vischer, Loyen
Hering und Labenwolff griff sein Auf-
treten tiefer ein, als man bisher ange-
nommen. Flötners Führung schlössen
sich diese Meister innig und willig an,
als die ihnen neue künstlerische Bewegung
sich geltend machte. Er bedeutet für die
Kunstgeschichte mehr als ein Benvenuto
Cellini, mehr als dieser berechnende,
ungenügsame, immerwährend fordernde
Italiener. Cellini hat in großsprecherischer
Weise sein Leben beschrieben. Von Flöt-
ners Leben wissen wir kaum mehr als
wie von dem der alten schweigsamen
Klosterkünstler. Aber Cellinis Schriften,
die uns Gcethe übersetzte, sorgten dafür,
daß sein Name niemals in Vergessenheit
geriet, daß früher fast jedes gute Stück
deutscher Goldschmiedearbeit harmlos als
sein Werk bezeichnet wurde. Langsam
sind die vergessenen und verachteten
deutschen Meister der Goldschmiedekunst
wieder an das Licht emporgestiegen. Und
in hellem Glänze strahlt auch wieder die
kraftvolle Gestalt Peter Flötners, des
Großmeisters des Kunstgewerbes der
deutschen Renaissance.

Putte bacchischen Charakters.
(Germ. Mus. Nürnberg).
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