Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Seite des Katalogvorworts: „diese engere Ausstel-
lung ist nur durch die Opferwilligkeit der Mit-
glieder möglich geworden, wodurch dem künstle-
rischen Wollen im einzelnen Schranken gesetzt
waren." Die „opferwilligen Mitglieder" sind die
industriellen Firmen. Sie waren die Gebenden
und sie konnten sich also nach ihrer Fagon äussern.
Eine strenge nach europäischem Masse schaltende
Kontrolle scheint nicht gesichtet zu haben. So
entstand eben eine brüderliche Vereinsdemon-
stration, die für ihre künstlerisch recht undank-
baren Voraussetzungen noch erstaunlich viel
Einzelgut enthält, die aber in ihrem zwitterhaften
Gesamtbild für die Entwicklung unserer dekora-
tiven Kunst ziemlich bedeutungslos bleibt.

Sich über Missratenes zu moquieren, — das un-
gefüge in seinen Formen sinnlose Holzpaneel mit
dem Dürerrelief, die kindische Fontaine lumineuse
für den Hausgebrauch böte Grund genug — ist
billig und unproduktiv; und langweilig ists, das
viele Gleichgültige aufzuzählen: die Interieurs der
Möbelfirmen, die alte Stile kopieren oder schüch-
tern neuen folgen, das barocke Tändelwerk und
Zusammensetzspiel des Muschelbrunnens, der
wenn er moosig, von der Zeit patiniert uns in
der Villa d'Este oder im Giardino Boboli erscheint,
malerisch voll Stimmungsreiz wirkt, aber frisch
säuberlich aufgebaut in einen modernen Garten
verpflanzt, charakterlos und frostig ist. Ich habe
auch im optimistischen Gedächtnis viel von den
„Gegenbeispielen" vergessen und will lieber aus
der Flucht der Erscheinungen einiges Positive und
Anregende notieren. Grenanders Metallarbeiten:
ruhige grosszügige Kronen, glückliche Variationen
der Moscheeampeln, rundreifig, behelmt, unten
mit einer Schlussplatte aus Eisglas, die das Licht
der eingeschlossenen elektrischen Birnen mild ge-
sammelt durchleuchten lässt; wuchtige ThürgrifFe
von organischem energischem Wachstum.

Gute Kacheln von ausgeglichener, abgetönter
Koloristik.

Anna de Beaulieus Stickereien von nicht ge-
wöhnlicher Delikatesse.

Alfred Mohrbutters Kostüme (von Gerson und
Paula Winkler ausgeführt), die endlich zeigen,
dass die „Reformtracht" nicht notwendig rettungs-
los vom Farbengeschmack verlassen zu sein braucht.
Dieser Künstler benutzt mit feinem und sicherem
Verständnis die spielende Fläche der gleitenden
Kleider zu koloristischenEtuden, und in der Kom-
bination des Chiffon, des Pelzwerks, des welligen
Zibeline, eines Besatzes aus Seidenhaaren in den
weichen Farben des Pastells und der Schmiegsam-
keit zarten Vogelgefieders beweist er Material-
raffinement.

Schmuz-Baudiss' neue Arbeiten für die Por-
zellanmanufaktur. Ich finde zwar nicht, dass sie
das Gelungene seiner früheren Stücke über-

treffen, aber unter der staatlichen Keramik fallen
sie jedenfalls als originelle und geschmackvolle
Objekte auf. Doch sind es weniger die Gefässe
mit landschaftlichem Dekor oder mit Reliefver-
zierung als die rein auf Farbe gestellten, die die
ehrenvolle Erwähnung verlangen. Die einfachsten,
die in unmerklichen Übergängen sich abtönen in
wolkigen Tinten, sind die schönsten. Die Unter-
glasurmalerei ist hier auch um einige Nuancen
bereichert, so um ein mattes Pfirsichrosa. Die
Kopenhagener haben das nicht, aber bei George
du Feure, dem dekorativen Charmeur Bings, der
jetzt auch Keramik macht, findet sich dieses rosa
neben blassgrün und dem samtigen Lachston.

Das interessanteste der Ausstellung sind die
Schmuckphantasien, die Herr von Cranach aus-
stellt. Keine Stilreiterei herrscht hier und kein
Modetum; in gutem Sinne modern ists, wie der
Komponist dieser Stücke ganz untheoretisch mit
lebendigem GrifF und Blick für das Wesentliche
der Dinge, sich von seinem Material anregen
und entzünden lässt. In der Vorliebe für Email
und Patinierung, für absonderliche Perlenforma-
tionen, für das ausgesprochen Malerisch-Kolo-
ristische im Schmuck (gegen die Einseitigkeit des
zeichnerischenLinienprinzips) zeigt sich Abhängig-
keit von der Laliquegegend. Die Kuriositäten
der Natur werden benutzt, ihre scherzhaften Or-
namente erwischt, wenn eine Barockperle einer
sträubig gefiederten Ente gleicht oder einem
schlanken sich schnellenden Fisch; die angedeute-
ten Linien werden dann weitergezogen und mit
leichter Hand das angeschlagene Thema erfüllt.
Grossen Reiz haben die traubigen Kombinationen
ganz kleiner verschiedenfarbiger metallisch schim-
mernder Perlbeeren.

Die Vorliebe für das Groteske zeigt sich in
einem mit allen Künsten des Emails und der
Patinierung gebildeten schillernden Polypen.

Derb elementare, ethnographische Robustheit
herrscht vor. Löwenklauen in goldene Fesseln
gezwungen; der klüftige Zahn eines vorwelt-
lichen Höhlenbären von einer vielgriffigen eisern-
klammernden Riesenkralle unlöslich gepackt, als
habe ein Untier dem andern in furchtbarem Kampf
den Zahn entrissen. Neben solchem Riesenspiel-
zeu<T erscheint aber auch Zartheit. Um das lieb-
liehe Oval des liller Mädchenkopfes schlingt sich
ein Rankengezweig aus leuchtenden Brillanten, so
duftig, unkörperlich, dass dasGefühl der Kostbarkeit
oranz zurücktritt hinter dem rein künstlerischen
Eindruck dieses schimmernden Jungfernkranzes.

Die Ausführung dieser Arbeiten in der Pati-
nierung und in dem mit malerischem Tikt an-
gewandten Email ist ein Ruhm der Firma Fried-
länder. Solch künstlerisches Schild trägt auch die
Vitrine des Juweliers Schaper. Schaper hat sich
nie auf die Juwelierwerkstatt beschränkt, er hat

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