Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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CHRONIK

BERLIN

IE „Grosse Berliner Kunstaus-
stellung11 ist nun auch dekora-
tiv geworden und hat sich im
Triumpfbogenstil in Blau und
Gold mit Reliefs und Säulen mit
Kranzgehängen und Kugellorbeer
kostümiert, und wagt so wenig-
stens den Versuch, nicht mehr ein Stapelplatz
und Speicher für bemalte Leinewand, sondern
ein Stimmungsrahmen für Bilder und Skulp-
turen zu sein. Vielleicht hätte sich noch eine
modernere Art der Raumwirkung finden lassen
als dieser etwas dumpfe aus den verschiedenen
Kulturen geliehene Pomp, aber schon der Versuch
einer Wandlung verdient in dieser Welt langsamer
Entwicklung eine Anerkennung

Das Kunstgewerbe ist in einer Folge von Seiten-
kabinetten des durch neue Innenarchitektur aus-
gestalteten Langschiffes rechter Hand vom Eingang
angesiedelt. Es bringt weniger Kleinkunst und
Detail als Ensembles, Interieurvariationen.

Viel Mühe scheint angewendet, aber die An-
regung ist nicht gross. Die meisten dieser Probier-
stübchen suchen ihre Ziele im nebensächlichen
Ausputz, statt nach der Wirkung ruhig abgestimm-
ten Komforts zu streben. Ein auffallend theatra-
lischer Zug tritt fatal hervor. Man will nicht nur
dekorativ sein, man dekoriert leider schon wieder,

man macht Ausstattungsstücke. Die Wände
gleichen in einigen Räumen Bühnenkulissen. Im
Musikzimmer von Schaudt haben sie mineralischen
Ton und ein Fries von Masken ist darauf gemalt;
im Esszimmer ist das Panneel gesprenkelt, und
der Fries darüber bestellt wieder aus Masken, die
gemalte Kerzen auf den Köpfen tragen. Vielleicht
werden nächstens auch wieder Scheinlandschaften
und künstliche Fenster an die Wand gezaubert.

Kulissenstil ist's auch, wenn im Kimbelschen
Schlafzimmer als Rückdekoration ein massiger
Applikationsvorhang hängt, der (man denkt an das
Maskenkostüm „Königin der Nacht") Wolken und
Goldflittersterne platt symbolistisch aufweist.

Und nicht viel besseren Geschmack bedeutets,
wenn in Honolds Schlafzimmer in die Rückwand
des Doppelbettes (diese Berliner Aestheten kennen
nur das Ehebett) ein allegorisches Bild eingelassen
ist; eshatden einen Vorzug, dass die Lagergenossen
es nicht sehen können.

Statt einfach sachlicher und organischer Schön-
heit, zeigt sich jetzt schon wieder ein bedenklicher
Hang zum Ausputzen. Im Kimbelschen Esszimmer
werden in die hellen Schränke ähnlich wie in der
Wedgwoodzeit, bildmässige Fliesen eingelegt. Die
zierlichen Mahagonie-Möbel von einst mit dem
mattblauen Medaillonschmuck hatten aber prezi-
öse Anmut und stimmten in der Farbe. Doch

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