Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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KORBSTÜHLE AUS WIENER WERKSTÄTTEN. AUS DEM HUHEN^OLLcKNKUNSTIjEWERBEHAUS

MÖBEL

VON

KARL SCHEFFLER



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Die Vertreter der gewerblichen Künste
lieben es seit einigen Jahren, von Möbeln wie
von Kunstwerken zu sprechen. Die Nutz-
künstler, die neue Formen für Schränke,
Tische und Stühle erfinden, erheben An-
spruch, damit ebenso Bedeutsames zu leisten,
wie grosse Maler mit ihren Bildern, schöpfe-
rische Plastiker mit ihren Statuen. Die prin-
zipielle Ueberschätzung einer zur Hälfte doch
profanen Thätigkeit entspringt dem Eifer, mit
dem der wiedererwachte, aufs Architektonische
gerichtete Kunstgeist, der suchend alle ge-
werblichen Arbeitsgebiete durchstreift und
sich seines endlichen Zieles noch nicht be-
wusst ist, nach bequemen Aufgaben verlangt.
Dieser Geist hat sich schon aller Gegenstände
des Interieurs bemächtigt und in der Klein-
kunst wertvolle Kraft vernutzt; dabei konnte
es nicht ausbleiben, dass er, um sich vor sich
selbst zu rechtfertigen, die Bedeutung der Ob-
jekte weit über Gebühr erhöhte. Da inner-

halb des Kunsthandwerks der Möbelbau an
erster Stelle steht und durch die Mannigfaltig-
keit der Aufgaben besonders anlockt, hat sich
das artistische Wollen der Führenden hier kon-
zentriert.

Früher als auf dem Kontinent gab es in
England eine Reaktion gegen das Hässliche
der kapitalistisch rohen Ausplünderung alter
Stile zu modernen Profanzwecken. Während
man drüben aber der geschmacklosen An-
häufung archaistischer Formen das blanke
Nichts folgen Hess, — Möbel schuf, die aus
glatten Brettern und Stäben schlicht gefügt
sind und den Charakter puritanischer Strenge
heucheln, bemächtigte sich in Belgien, Frank-
reich und Deutschland ein neues Kunstprinzip
des Möbels. Die ganz unplastische dekorative
Kunst Englands, die sich an den Namen
Morris knüpft, wusste mit dem Möbel nichts
Rechtes zu beginnen, entkleidete es darum
nur der längst zur Phrase gewordenen histo-

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