Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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CHRONIK

BERLIN

Bei Schulte waren Bilder von Stuck ausgestellt.
Stuck ist jetzt ungefähr vierzig Jahre alt. Die Aus-
stellung wirkte dennoch wie ein Stück Vergangen-
heit — in den alten Bildern —, wie ein Blick in die
Vergangenheit in den neuen. Kein Zuwachs, auch
noch kein Erloschensein, aber der Glanz der ersten
Epoche fehlte. Was für ein Aufleuchten war das
ehedem in München gewesen, als Stuck auftrat!
Der Bauernsohn aus der Gegend um Passau, dem
von der Natur ein seltsames altes Ägyptergesicht
gegeben worden war, hatte sich damals als achtzehn-
j ähriger Anfänger mit kunstgewerblichen Zeich-
nungen, Allegorien und Emblemen, die ein un-
verkennbares Gepräge hoher Leichtigkeit, Eleganz
und zugleich Wucht des Schaffens trugen, als ein
kommender Meister offenbart. Er hat sein Wort
zum grossen Teil eingelöst. Wir standen noch be-
wundernd vor solchen Arbeiten seiner ersten Jahre
wie „Kreuzigung". Es lagen in der Stärke des
Stils, in dem Gefühl für dekoratives Ausnutzen
der Farbe Elemente, welche starke Erwartungen
für Stucks Zukunft erregten.

Das viele „Sünde"-malen, das Malen von vielen,
viel zu vielen Studienköpfen haben Stuck etwas
von seiner ursprünglichen Kraft geraubt, ohne im
stände zu sein, ihn gänzlich auszuhöhlen; auch in
neueren Jahren hat Stuck Zeugnisse von glänzen-
der Kraft gegeben, Beweis sein bei Schulte ausge-
stelltes Gemälde „Susanna mit den beiden Greisen",

eine Scene, die ins Profil gekehrt ist und mit geist-
reichen Verschiebungen allerdings nicht den Ge-
danken an ein gutes Bild, jedoch den an ein kolo-
ristisch reizendes Plakat wachruft. Im Mittel-
punkt der Ausstellung bei Schulte stand das Bild
des Mörders, der von den Erynnien verfolgt ist.
Proudhon hat das Thema natürlich schöner dar-
gestellt. Stuck hat ihm aber mit kühner Sicherheit
koloristische Effekte entlockt, in der Landschaft
hinten sind Lichter von einer zwar die Natur ab-
lehnenden, aber wirksamen Stärke, und das Bild
im ganzen entrollt die Vorzüge etwa eines, freilich
vergröberten, in Bologna entstandenen Historien-
bildes.

Die spielende Grösse seines Talentes offenbarte
er in mancher Kleinigkeit von antikisierendem
Charakter. Was uns aber in der Ausstellung mit
der grössten Bewunderung vor seinem Talent er-
füllte, das waren doch die Plastiken, diese kleinen
Bronzen mit griechischen Motiven, Werke von
Stuck, die' länger zurückliegen; wie sind sie doch
ursprünglich, aus einem lebhaften und feurigen
Temperament hervorgegangen. Die „Amazone"
ist ein kleines Meisterwerk. Sie vereinigt sich
wie aus einem Gusse mit ihrem Pferde. Es ist
eine Schöpfung, so stark, wie manche, die wir aus
der Renaissance bewundern. Wir scheiden von
Stuck mit einem Blick auf das Porträt, das ihn und
seine Gattin darstellt, das vielgeschmäht ist,

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